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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
49. Vortrag

19.

Von der Macht habe ich nun gesprochen, gebt acht auf die Bedeutung! Ein großer Sünder ist es, auf den die viertägige Dauer des Todes und jenes Begräbnis hinweist. Warum also betrübt Jesus sich selbst, als um dir anzudeuten, wie du dich betrüben sollst, da du von einer so großen Sündenlast beschwert und gedrückt wirst? Du hast dich ja gewiß betrachtet, du hast dich als Sünder erkannt, du hast es dir zugeschrieben: Das habe ich getan, und Gott hat mich verschont; das habe ich begangen, und er war langmütig gegen mich; ich habe das Evangelium gehört und verachtet; ich bin getauft worden und habe mich wieder zu meiner früheren Lebensart zurückgewendet; was tue ich? wohin gehe ich? wie entkomme ich? Wenn du solches sprichst, seufzt bereits Christus, weil der Glaube seufzt. In der Stimme des Seufzenden zeigt sich die Hoffnung des Auferstehenden. Wenn der Glaube in unserm Innern ist, dann ist dort Christus und seufzt; wenn der Glaube in uns ist, ist Christus in uns. Denn was anderes sagt der Apostel: "Christus wohnt durch den Glauben in euren Herzen"?1 . Also dein Glaube an Christus, das ist Christus in deinem Herzen. Dies wird auch angedeutet dadurch, daß er im Schiffe schlief; als die Jünger in Gefahr waren, traten sie, da bereits ein Schiffbruch drohte, zu ihm hinzu und weckten ihn; Christus stand auf, gebot den Winden und Wogen, und es trat eine große Stille ein2 . So verhält es sich auch mit dir: es dringen die Winde in dein Herz ein; gerade wo du im Schiffe weilst, wo du dieses Leben wie ein stürmisches und gefahrvolles Meer durchfährst, dringen Winde ein, peitschen die Wogen und bringen das Schiff in Unordnung. Was sind die Winde? Du hast eine Schmähung gehört, du wirst zornig; die Schmähung ist der Wind, der Zorn ist die Woge; du bist in Gefahr, du schickst dich an zu antworten, du bist daran, Schimpf mit Schimpf zu vergelten, schon ist das Fahrzeug dem Schiffbruch nahe; wecke den schlafenden Christus! Deshalb nämlich wogt es in dir hin und her und sinnst du darauf, Böses mit Bösem zurückzugeben, weil Christus im Schiffe schläft. Denn der Schlaf Christi in deinem Herzen ist das Abhandenkommen des Glaubens. Wenn du aber Christus erweckst, d.h. den Glauben auffrischest, was antwortet dir gleichsam erwachend Christus in deinem Herzen? Ich mußte hören: "Du hast einen Teufel"3 , und habe für sie gebetet. Der Herr hört und duldet, der Knecht hört und wird zornig! Aber du willst dich rächen. Doch wie? Bin denn ich schon gerächt? Wenn dies dein Glaube zu dir spricht, dann wird sozusagen den Winden und Wogen geboten und es tritt große Stille ein. Wie also Christus im Schiffe erwecken heißt, den Glauben anfachen, so soll im Herzen des Menschen, den eine große Last und Gewohnheit der Sünde drückt, im Herzen des Menschen, der sogar ein Übertreter des heiligen Evangeliums, ein Verächter der ewigen Strafen ist, Christus erschauern, der Mensch sich anklagen. Höre noch weiter: Christus weinte, der Mensch weine über sich. Warum weinte denn Christus, als weil er den Menschen weinen lehren wollte? Warum erschauerte er und betrübte sich selbst, als weil der Glaube des mit Recht über sich selbst unzufriedenen Menschen gewissermaßen erschauern soll in der Anklage der bösen Werke, damit der Heftigkeit der Reue das gewohnheitsmäßige Sündigen weiche.

1: Eph 3,17
2: Mt 8,24 26
3: Joh 7,20

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger