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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
49. Vortrag

12.

"Aber lasset uns zu ihm gehen. Da sprach Thomas, der auch Didymus genannt wird, zu den Mitjüngern: Lasset auch uns gehen und mit ihm sterben. Jesus also kam hin und fand ihn bereits vier Tage im Grabe." Über die vier Tage ließe sich nun vieles sagen, wie es bei dunklen Stellen der Heiligen Schrift der Fall ist, welche nach der Verschiedenheit der Ausleger einen mannigfa¬chen Sinn zulassen. Sagen auch wir, was uns der vier Tage im Grabe liegende Tote zu bedeuten scheint. Wie wir nämlich unter jenem Blinden gewissermaßen das ganze Menschengeschlecht verstehen, so werden wir vielleicht in diesem Toten gar viele erkennen, denn auf verschiedene Art kann eine und dieselbe Sache angedeutet werden. Wenn der Mensch geboren wird, so wird er bereits mit dem Tode geboren, weil er von Adam die Sünde sich zuzieht. Daher sagt der Apostel: "Durch einen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen, und durch die Sünde der Tod, und ist so auf alle Menschen übergegangen, in welchem alle gesündigt haben"1 . Siehe, da hast du den ersten Tag des Todes, nämlich das, was sich der Mensch durch die Fortpflanzung des Todes zuzieht. Er wächst dann, gelangt allmählich zu den Jahren des Vernunftgebrauchs, um das Naturgesetz zu verstehen, das allen ins Herz gegraben ist: Was du nicht willst, das man dir tue, das füge auch keinem andern zu! Erlernt man das etwa aus Büchern oder liest man es nicht gewissermaßen in der Natur selbst? Willst du einen Diebstahl erleiden? Gewiß du willst nicht. Siehe, das Gesetz in deinem Herzen: Was du nicht erleiden willst, das tue nicht. Auch dieses Gesetz übertreten die Menschen; siehe, der zweite Tag des Todes. Das Gesetz ist auch von Gott gegeben worden durch Moses, den Diener Gottes; da heißt es: "Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst kein falsches Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter; du sollst nicht begehren das Gut deines Nächsten; du sollst nicht begehren die Frau deines Nächsten"2 . Siehe, das Gesetz ist geschrieben auch dies wird verachtet; siehe, der dritte Tag des Todes. Was bleibt noch übrig? Es kam auch das Evangelium, das Himmelreich wird gepredigt, Christus wird überall verkündet, er droht die Hölle, er verheißt das ewige Leben auch dies wird verachtet: Die Menschen übertreten das Evangelium; siehe, der vierte Tag des Todes. Mit Recht riecht er schon. Soll etwa auch solchen die Barmherzigkeit verweigert werden? Das sei ferne; auch zur Erweckung solcher verschmäht der Herr nicht hinzuzutreten

1: Röm 5,12
2: Ex 20.12 17

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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