Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium) 48. Vortrag
9. Sehet nun aber zu, was der Herr diesen Leuten von langsamer Fassungskraft antwortete. Er erkannte, daß sie den Glanz der Wahrheit nicht ertrugen, und milderte ihn in seinen Worten: "Steht nicht in eurem Gesetze", d.h. in dem euch gegebenen Gesetze, "geschrieben; Ich habe gesagt: Ihr seid Götter?" Gott sagt durch den Propheten im Psalme zum Menschen: "Ich habe gesagt: Ihr seid Götter"1 . Als Gesetz bezeichnet der Herr im allgemeinen alle jene Schriften, obwohl er anderswo das Gesetz besonders nennt und dasselbe von den Propheten unterscheidet, wie z.B.: "Das Gesetz und die Propheten bis auf Johannes"2 , und "An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten"3 . Gelegentlich aber teilt er dieselben Schriften in drei Klassen, wo er sagt: "Es mußte sich alles erfüllen, was von mir geschrieben ist in dem Gesetze, in den Propheten und den Psalmen"4 . Jetzt aber bezeichnete er auch die Psalmen mit dem Namen "Gesetz", wo es heißt: "Ich habe gesagt: Ihr seid Götter. Wenn er jene Götter nannte, an die das Wort Gottes gerichtet wurde, und die Schrift nicht aufgehoben werden kann, wie sprecht ihr zu dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst, weil ich gesagt habe: Ich bin der Sohn Gottes"? Wenn das Wort Gottes an Menschen ergangen ist, daß sie Götter genannt wurden, wie sollte dann nicht das Wort Gottes selbst, welches bei Gott ist, Gott sein? Wenn durch die Anrede Gottes Menschen Götter werden, wenn sie durch Teilnahme Götter werden, ist dann der, an welchem sie teilnehmen, nicht Gott? Wenn die erleuchteten Lichter Götter sind, ist dann das Licht, welches erleuchtet, nicht Gott? Wenn die gleichsam durch ein heilsames Feuer Erwärmten zu Göttern werden, ist dann der, von dem sie erwärmt werden, nicht Gott? Du trittst zum Lichte hin und wirst erleuchtet und unter die Söhne Gottes gezählt; wenn du dich vom Lichte entfernst, wirst du verdunkelt und unter die Finsternis gerechnet; jenes Licht jedoch tritt nicht zu sich hinzu, weil es von sich nicht zurückweicht. Wenn also euch die Anrede Gottes zu Göttern macht, wie sollte dann nicht das Wort Gottes Gott sein? Der Vater also hat seinen Sohn geheiligt und in die Welt gesandt. Vielleicht sagt einer: Wenn der Vater ihn geheiligt hat, dann war er also einmal nicht heilig? So hat er ihn geheiligt, wie er ihn gezeugt hat. Daß er nämlich heilig sei, hat er ihm durch die Zeugung gegeben, weil er ihn als heilig zeugte. Denn wenn, was geheiligt ward, vorher nicht heilig war, wie sagen wir dann zu Gott dem Vater: "Geheiligt werde Dein Name"5 .
1: Ps 81,6 2: Lk 16,16 3: Mt 22,40 4: Lk 24,44 5: Mt 6,9
|