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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
46. Vortrag

8.

Wer ist der Mietling, der den Wolf kommen sieht und flieht? Wer das Seinige sucht und nicht das, was Jesu Christi ist, den Sünder nicht freimütig zurechtzuweisen wagt1. Siehe, es hat irgendeiner gesündigt, schwer gesündigt, er ist zu rügen, zu exkommunizieren, aber wenn er exkommuniziert wird, wird er feindlich gesinnt sein, nachstellen, schaden, wo er kann. Der nun, welcher das Seinige sucht, nicht das, was Jesu Christi, wird, damit er nicht verliert, was er anstrebt, den Vorteil menschlicher Freundschaft, und nicht die Unannehmlichkeit menschlicher Feindschaft sich zuzieht, schweigen, nicht zurechtweisen. Siehe, der Wolf hat das Schaf an der Kehle gepackt, der Teufel den Gläubigen zu einem Ehebruch verführt; du schweigst, du tadelst nicht; o Mietling, du hast den Wolf kommen sehen und bist geflohen. Er antwortet vielleicht und sagt: Siehe, ich bin da, ich bin nicht geflohen. Du bist geflohen, weil du geschwiegen hast; da hast geschwiegen, weil du dich gefürchtet hast. Die Flucht der Seele, das ist die Furcht. Dem Leibe nach bist du stehen geblieben, dem Geiste nach bist du geflohen. Das hat jener nicht getan, welcher sagte: „Obwohl ich dem Leibe nach abwesend bin, bin ich dem Geiste nach bei euch“2. Denn wie floh der dem Geiste nach, der, obgleich körperlich abwesend, die Hurer schriftlich tadelte? Unsere Affekte sind Bewegungen des Gemütes. Die Freude ist eine Ausdehnung des Gemütes, die Trauer eine [S. 683] Zusammenziehung des Gemütes, die Begierde ein Vorwärtsstreben des Gemütes, die Furcht eine Flucht des Gemütes. Du dehnst dich nämlich im Gemüte aus, wenn du dich erfreust; du ziehst dich im Gemüte zusammen, wenn du niedergeschlagen bist; du strebst vorwärts im Gemüte, wenn du etwas verlangst; du fliehst im Gemüte, wenn du dich fürchtest. Siehe, warum es von jenem Mietling heißt, daß er beim Anblick des Wolfes flieht. Warum? „Weil er sich um die Schafe nicht kümmert.“ Warum kümmert er sich nicht um die Schafe? „Weil er ein Mietling ist.“ Was heißt das: Er ist ein Mietling? Er sucht zeitlichen Lohn und wird nicht auf ewig im Hause wohnen. Es gibt hier noch manche Dinge, die mit euch zu untersuchen und zu erörtern wären, aber ich möchte euch nicht weiter belästigen. Denn wir reichen die Speise des Herrn den Mitknechten; auf den Weiden des Herrn nähren wir die Schafe und nähren uns mit euch. Wie nicht verweigert werden soll, was notwendig ist, so ist auch das schwache Herz nicht mit einem Übermaß von Speise zu beschweren. Eure Liebe nehme es also nicht übel, daß ich nicht alles, was ich hier noch für erörternswert halte, heute schon behandle, aber es wird uns im Namen des Herrn an den Tagen, an welchen wir eine Rede schulden, dasselbe Lesestück nochmals verlesen und mit seinem Beistande eingehender erklärt werden.

1: 1 Tim. 5, 20.
2: Kol. 2, 5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger