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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
46. Vortrag

5.

Was sagen wir aber vom Mietling? Nicht unter den guten Dingen ist dieser erwähnt worden. „Der gute Hirt“, sagt er, „gibt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber und der nicht Hirt ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe und flieht; und der Wolf raubt und zerstreut die Schafe.“ Der Mietling spielt hier keine gute Rolle, und doch ist er einigermaßen noch dienlich, er würde auch nicht Mietling genannt werden, wenn er von dem Mietenden keinen Lohn bekäme. Wer ist also jener Mietling, der sowohl schuldbar ist wie notwendig? Hier aber, Brüder, leuchte uns der Herr selbst, damit wir einerseits die Mietlinge erkennen, anderseits nicht selbst Mietlinge seien. Wer ist also ein Mietling? Es gibt in der Kirche gewisse Vorgesetzte, von welchen der Apostel [S. 678] Paulus sagt: „Sie suchen das Ihrige und nicht das, was Jesu Christi ist“1. Was heißt: „Sie suchen das Ihrige“? Sie lieben Christus nicht selbstlos, suchen Gott nicht wegen Gott, streben nach zeitlichen Vorteilen, gehen auf Gewinn aus, haschen nach Ehren bei den Menschen. Wenn von einem Vorgesetzten diese Dinge geliebt werden und ihretwegen Gott gedient wird, ein solcher ist, wer immer er sein mag, ein Mietling, unter die Söhne soll er sich nicht rechnen. Denn von solchen sagt der Herr: „Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn empfangen“2. Höre, was der Apostel Paulus von dem heiligen Timotheus sagt: „Ich hoffe aber im Herrn Jesu, euch bald den Timotheus zu senden, damit auch ich guten Mutes sei, wenn ich erfahre, wie es um euch steht; denn ich habe keinen, der einer Gesinnung mit mir ist und der so brüderlich für euch Sorge trägt. Denn alle suchen das Ihrige, und nicht das, was Jesu Christi ist“3. Unter den Mietlingen seufzte der Hirt; er suchte einen, der die Herde Christi aufrichtig liebte, und fand in seiner Umgebung unter denjenigen, die zu jener Zeit bei ihm gewesen waren, keinen. Denn es war zwar damals in der Kirche Christi außer dem Apostel Paulus und Timotheus nicht etwa keiner, der brüderlich für die Herde besorgt gewesen wäre, vielmehr hatte er gerade zu der Zeit, als er den Timotheus sandte, keinen andern von den Söhnen bei sich, sondern es waren bloß Mietlinge bei ihm, „die das Ihrige suchten, nicht das, was Jesu Christi ist“. Und doch wollte er, in seiner brüderlichen Besorgnis um die Herde, lieber den Sohn senden und unter den Mietlingen bleiben. Auch wir gewahren Mietlinge; nur der Herr prüft sie; der ins Herz sieht, prüft sie; doch bisweilen werden sie von uns erkannt. Denn nicht umsonst hat der Herr selbst auch von den Wölfen gesagt: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“4. Viele werden durch die Versuchungen auf die Probe gestellt, und dann kommen die Gedanken zum Vorschein, viele aber bleiben verborgen. Mag der [S. 679] Schafstall des Herrn zu Vorgesetzten sowohl Söhne wie Mietlinge haben5. Die Vorgesetzten aber, die Söhne sind, sind Hirten. Wenn sie Hirten sind, wie ist dann doch nur ein Hirt, als weil sie alle Glieder des einen Hirten sind, dem die Schafe gehören? Denn sie sind auch Glieder desselben einen Schafes, weil er „wie ein Schaf zur Schlachtung geführt wurde“.

1: Phil. 2, 21.
2: Matth. 6, 5.
3: Phil. 2, 19―21.
4: Matth. 7, 16.
5: Habeat (nicht habet), wodurch angedeutet wird, daß der Kirche auch die Tätigkeit der Mietlinge notwendig ist.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger