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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
45. Vortrag

15.

Aber was heißt das: "Er wird eingehen und ausgehen und Weide finden"? Eingehen nämlich in die Kirche durch Christus, die Türe, ist sehr gut, aber herausgehen aus der Kirche, wie derselbe Johannes, der Evangelist, in seinem Briefe sagt: "Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht aus uns"1 , ist gewiß nicht gut. Ein solcher Ausgang also könnte vom guten Hirten nicht gelobt werden, daß er sagte: "Er wird eingehen und ausgehen und Weide finden". Es gibt demnach nicht bloß einen guten Eingang, sondern auch einen guten Ausgang durch die gute Türe, welche Christus ist. Aber welcher ist dieser lobenswerte und selige Ausgang? Ich könnte zwar sagen, wir gehen ein, wenn wir innerlich etwas denken, gehen aber aus, wenn wir äußerlich etwas vollbringen, und weil, wie der Apostel sagt, durch den Glauben Christus in unseren Herzen wohnt2 , so heiße durch Christus eingehen soviel als gemäß dem Glauben denken, durch Christus ausgehen aber gemäß dem Glauben auch draußen d.h. vor den Menschen wirken. Weshalb es im Psalme heißt: "Der Mensch geht aus an sein Werk"3 , und der Herr selbst sagt: "Es sollen eure guten Werke leuchten vor den Menschen"4 . Allein mehr sagt mir zu, was die Wahrheit selbst als der gute Hirt und darum als der gute Lehrer uns gewissermaßen nahelegte, wie wir seine Worte verstehen sollen: "Er wird eingehen und ausgehen und wird Weide finden", da er im folgenden hinzufügte: "Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu schlachten und zu verderben; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Überfluß haben". Er scheint mir nämlich gesagt zu haben, daß sie das Leben haben sollen, indem sie eingehen, und es in Überfluß haben, indem sie ausgehen. Es kann aber niemand durch die Türe d.i. durch Christus ausgehen zum ewigen Leben, das in der Anschauung sein wird, wenn er nicht durch dieselbe Türe d.i. durch denselben Christus in seine Kirche, welche sein Schafstall ist, zum zeitlichen Leben eingegangen ist, welches im Glauben ist. Daher sagt er: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben", d.i. den Glauben, welcher durch die Liebe wirkt5 , durch welchen Glauben sie in den Schafstall eingehen, um zu leben, weil der Gerechte aus dem Glauben lebt6 , "und es im Überfluß haben" diejenigen, welche durch Ausharren bis ans Ende durch jene Türe d.i. durch den Glauben an Christus ausgehen, weil sie als wahre Gläubige sterben und im Überflusse das Leben haben werden, indem sie dorthin kommen, wohin jener Hirt vorausging, wo sie fortan nie mehr sterben sollen. Obwohl es also auch hier in diesem Schafstall nicht an Weide gebricht, weil wir in Bezug auf beides das Wort verstehen können: "Und er wird Weide finden", d.h. in Bezug auf den Eingang und den Ausgang, so werden sie doch dort die wahre Weide finden, wo diejeneigen gesättigt werden sollen, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit7 , eine Weide, wie sie der fand, zu dem gesagt wurde: "Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein"8 . Wie er aber selbst die Türe, er selbst auch der Hirt sei, so daß er dahin zu verstehen ist, er gehe gewissermaßen durch sich selbst ein und aus, und wer der Türhüter sei, das heute zu erörtern wäre zu lang und ist durch genauere Darlegung mit seiner Hilfe darzulegen.

1: 1 Joh 2,19
2: Eph 3,17
3: Ps 103,33
4: Mt 5,16
5: Gal 5,6
6: Röm 1,17
7: Mt 5,6
8: Lk 23,43

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger