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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
44. Vortrag

6.

Also wie? Was werden wir von dieser Nacht sagen? Wann wird die Zeit kommen, da niemand mehr wirken kann? Das wird die Nacht der Gottlosen sein, das wird die Nacht derjenigen sein, zu welchen am Ende gesagt wird; "Gehet hin in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist"1 . Aber es heißt doch "Nacht", nicht Flamme, nicht Feuer, Höre, daß es auch eine Nacht ist. Von einem gewissen Knechte sagt er: "Bindet ihm Hände und Füße, und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis"2 . Also soll der Mensch wirken, solange er lebt, damit er nicht von jener Nacht überrascht werde, wo niemand mehr wirken kann. Jetzt muß der Glaube durch die Liebe wirken, und wenn wir jetzt wirken, das ist der Tag, das ist Christus. Höre, was er verspricht, und halte ihn nicht für abwesend. Er hat gesagt: "Siehe, ich bin bei euch". Wie lange? Ängstigen wir uns nicht, die wir noch leben; wenn es möglich wäre, würden wir mit diesem Worte auch die später lebenden Nachkommen vollständig beruhigen. "Siehe", sagt er, "ich bin bei euch bis zum Ende der Welt"3 . Dieser Tag, der durch den Umlauf der Sonne bewirkt wird, hat wenige Stunden, jedoch der Tag der Gegenwart Christi erstreckt sich bis zum Ende der Welt. Nach der Auferstehung der Lebendigen und Toten aber, wenn er zu den auf der Rechten Stehenden sagen wird: "Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters, besitzet das Reich", zu den auf der Linken Stehenden aber: "Gehet hin in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist"4 , da wird die Nacht sein, wo niemand mehr wirken, sondern nur in Empfang nehmen kann, was er gewirkt hat. Es ist etwas anderes die Zeit der Wirksamkeit und etwas anderes die Zeit der Vergeltung; denn der Herr wird einem jeden vergelten nach seinen Werken5 . Solange du lebst, wirke, wenn du wirken willst; denn dann wird eine gewaltige Nacht kommen, welche die Gottlosen einhüllt. Indes auch jetzt wird jeder Ungläubige bei seinem Tode von jener Nacht aufgenommen; er hat dort keine Möglichkeit mehr, etwas zu wirken. In jener Nacht war der Reiche in Gluthitze und verlangte nach einem Tropfen Wassers von dem Finger des Armen; er litt Schmerzen, empfand Angst, machte ein Geständnis, und es wurde ihm keine Hilfe gebracht, er versuchte Gutes zu tun. Denn er sprach zu Abraham: "Vater Abraham, schicke den Lazarus zu meinen Brüdern, daß er ihnen sage, was hier vorgeht, damit nicht auch sie in diesen Ort der Qualen kommen"6 . O Unglücklicher! Als du noch am Leben warst, da war die Zeit zu wirken; jetzt bist du bereits in der Nacht, in der niemand mehr wirken kann.

1: Mt 25,41
2: Mt 22,13
3: Mt 28,20
4: Mt 25,34.41
5: Mt 16,27
6: Lk 16,24-28

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger