Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium) 44. Vortrag
1. Von dem Menschen, den der Herr Jesus sehend machte, der blind geboren war, ist ein ausführliches Lesestück vorgelesen worden. Wollten wir dasselbe ganz abzuhandeln versuchen, gemäß seiner Bedeutung, so gut wir es vermögen, alles einzelne betrachtend, so würde der Tag nicht hinreichen. Darum bitte und ermahne ich eure Liebe, daß ihr für das, was schon klar ist, von uns keine Erläuterung fordert; denn es würde allzu lang sein, bei dem einzelnen zu verweilen. Kurz also lege ich das Geheimnis dieses sehend gewordenen Blinden dar. Das nämlich, was unser Herr Jesus Christus Staunenswertes und Wunderbares getan hat, sind Werke und Worte zugleich: Werke, weil es Taten sind, Worte, weil es Zeichen sind. Wenn wir also erwägen, was das Ereignis bedeutet, so ist dieser Blinde das Menschengeschlecht. Denn diese Blindheit trat im ersten Menschen durch die Sünde ein, von dem wir also nicht bloß den Tod, sondern auch die Sünde geerbt haben. Wenn nämlich Blindheit der Unglaube ist, und Erleuchtung der Glaube, welchen Gläubigen hat dann Christus bei seiner Ankunft gefunden? Sagt ja doch der Apostel, der im Volke der Propheten geboren war: "Auch wir waren einst von Natur Kinder des Zornes, wie auch die übrigen"1 . Wenn "Kinder des Zornes", dann Kinder der Rache, Kinder der Strafe, Kinder der Hölle. Wie doch "von Natur", als weil durch die Sünde des ersten Menschen die Sündhaftigkeit wie zur Natur geworden ist? Wenn aber die Sündhaftigkeit wie zur Natur geworden ist, dann ist dem Geiste nach jeder Mensch blind geboren. Denn wenn er sieht, bedarf er keines Führers; wenn er aber einen Führer und Erleuchter nötig hat, nun dann ist er blind von Geburt.
1: Eph 2,3
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