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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
40. Vortrag

9.

Was verspricht er den Gläubigen, Brüder? „Und ihr werdet die Wahrheit erkennen.“ Wie nun? Hatten sie dieselbe nicht erkannt, als der Herr redete? Wenn sie dieselbe nicht erkannt hatten, wie glaubten sie dann? Nicht weil sie erkannten, glaubten sie, sondern um zu erkennen, glaubten sie. Denn wir glauben, um zu erkennen, wir erkennen nicht, um zu glauben. Denn was wir dereinst erkennen sollen, hat weder ein Auge gesehen, noch ein Ohr gehört, noch ist es in eines Menschen Herz gekommen1. Denn was ist der Glaube anders als ein Fürwahrhalten dessen, was man nicht sieht2? Glaube also ist: fürwahrhalten, was man nicht sieht; Wahrheit ist: sehen, was man geglaubt hat, wie er selbst irgendwo sagt. Darum wandelte der Herr zuerst, um [S. 600] den Glauben zu erwecken, auf Erden. Er war Mensch, war niedrig geworden; er wurde von allen gesehen, aber nicht von allen erkannt; er wurde von vielen verworfen, von der Menge getötet, von wenigen bemitleidet, aber dennoch auch von denjenigen, welche ihn bemitleideten, noch nicht als das, was er war, anerkannt. Dies alles ist gleichsam ein Anfang der Umrisse des Glaubens und des zukünftigen Baues. Und im Hinblick darauf sagt der Herr selbst an einer Stelle: „Wer mich liebt, hält meine Gebote, und wer mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm zeigen“3. Die ihn hörten, sahen ihn natürlich auch schon; dennoch verhieß er ihnen, wenn sie ihn liebten, seinen Anblick. So auch hier: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen“. Wie nun? Ist, was du gesagt hast, nicht Wahrheit? Es ist Wahrheit, aber sie wird noch geglaubt, noch nicht geschaut. Wenn man in dem bleibt, was man glaubt, kommt man zu dem, was man sehen soll. Darum sagt der hl. Evangelist Johannes selbst in seinem Briefe: „Geliebteste, wir sind Kinder Gottes, aber es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden“. Wir sind schon etwas und werden etwas sein. Was werden wir noch mehr sein als das, was wir bereits sind? Höre: „Noch ist es nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen, daß, wenn es offenbar sein wird, wir ihm ähnlich sein werden“. Warum? „Weil wir ihn sehen werden, wie er ist“4. Eine große Verheißung, aber sie ist der Lohn des Glaubens. Du verlangst den Lohn, das Werk gehe vorher. Wenn du glaubst, begehre den Lohn des Glaubens; wenn du aber nicht glaubst, mit welcher Stirne verlangst du den Lohn des Glaubens? Also „wenn ihr in meinem Worte bleibet, werdet ihr wahrhaft meine Jünger sein“, um die Wahrheit selbst zu betrachten, wie sie ist, nicht durch klingende Worte, sondern durch das erstrahlende Licht, wenn er uns sättigen wird, wie es im Psalme heißt: „Gezeichnet ist über uns das Licht Deines Angesichtes, o Herr“5. Wir sind ein Gepräge Gottes, als Münze sind wir vom [S. 601] Schatze abgeirrt. Durch den Umlauf wurde abgerieben, was uns aufgeprägt war; es kam der, der uns umbilden sollte, weil er selbst uns gebildet hatte; auch er sucht seine Münze, wie der Kaiser die seinige; darum sagt er: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“6: dem Kaiser die Münzen, Gott euch selber. Dann also wird die Wahrheit in uns ausgeprägt werden.

1: Is. 64, 4; 1 Kor. 2, 9.
2: Quid est enim fides, nisi credere quod non vides?
3: Joh. 14, 21.
4: 1 Joh. 3, 2.
5: Ps. 4, 7 [hebr. Ps. 4, 7].
6: Matth. 22, 21.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger