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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
40. Vortrag

5.

Was sagen wir also, Brüder? Wie hat der Vater zum Sohne geredet, weil der Sohn sagt: „Wie der Vater mich gelehrt hat, dies rede ich“? Als der Vater den Sohn lehrte, hat er da Worte gebraucht, wie du, wenn du deinen Sohn lehrst, Worte gebrauchst? Wie gebraucht er Worte gegenüber dem Worte? Wie viele Worte sollten an das einzige Wort ergehen? Hatte denn das Wort des Vaters Ohren für den Mund des Vaters? Das sind fleischliche Vorstellungen; hinweg damit aus euren Herzen. Das nämlich sage ich; siehe, wenn ihr verstanden habt, was ich gesagt habe, so habe ich sicherlich geredet, meine Worte erschallten und trafen durch ihren Schall die Ohren und führten durch euer Gehörorgan den Sinn derselben zum Geiste, wenn ihr es verstanden habt. Nehmet an, es habe ein Mensch, der lateinisch kann, zugehört, doch eben nur zugehört, das Gesagte aber nicht verstanden. Was nun den aus meinem Munde ausgegangenen Schall betrifft, so hat ihn der, welcher es nicht verstand, ebenso vernommen wie ihr; er hat denselben Schall gehört, dieselben Silben haben seine Ohren getroffen, aber in seinem Geiste haben sie nichts hervorgebracht. Warum? Weil er es nicht verstanden hat. Ihr aber, wenn ihr es verstanden [S. 596] habt, wodurch habt ihr es verstanden? Der Schall, der von mir ausging, traf euer Ohr; habe ich etwa auch im Geiste ein Licht angezündet? Ohne Zweifel, wenn das wahr ist, was ich gesagt habe, und ihr diese Wahrheit nicht bloß gehört, sondern auch verstanden habt; zwei Dinge sind dort geschehen, unterscheidet sie, das Hören und das Verständnis. Das Hören ist durch mich bewirkt worden, durch wen das Verständnis? Ich habe zum Ohr gesprochen, daß ihr höret; wer hat zu eurem Herzen gesprochen, daß ihr es verstehet? Ohne Zweifel hat jemand auch zu eurem Geiste etwas gesprochen, damit nicht bloß jenes Wortgeräusch euer Ohr treffe, sondern auch in euren Geist etwas von der Wahrheit gelange; es hat einer auch zu eurem Geiste gesprochen, aber ihr seht ihn nicht; wenn ihr es verstanden habt, Brüder, so ist auch zu eurem Geiste etwas gesprochen worden. Eine Gabe Gottes ist das Verständnis. Wer hat dies in eurem Geiste gesprochen, wenn ihr es verstanden habt? Der, zu welchen der Psalmist sagt: „Gib mir Verständnis, damit ich deine Gebote lerne“1. Z. B. der Bischof hat gesprochen. Was hat er gesprochen? sagt einer. Du teilst ihm mit, was er gesprochen hat, und fügst bei: Er hat wahr geredet. Dann sagt der andere, der es nicht verstanden hat: Was hat er gesagt, oder was ist das, was du lobst? Beide haben mich gehört, zu beiden habe ich gesprochen, aber zu einem von ihnen hat Gott gesprochen2. Wenn man Kleines mit Großem vergleichen darf ― denn was sind wir im Vergleich zu ihm? ―, aber es wirkt Gott auf unkörperliche und geistige Weise in uns ein gewisses Etwas, was weder ein Schall ist, der das Ohr trifft, noch eine Farbe, die mit den Augen unterschieden wird, noch ein Geruch, der mit der Nase verspürt wird, noch ein Geschmack, der mit dem Gaumen geprüft wird, noch etwas Hartes und Weiches, was durch Berühren gefühlt wird; dennoch ist es etwas, was man leicht empfinden, aber nicht erklären kann. Wenn nun Gott, wie ich zu sagen angefangen habe, in unserm Geiste ohne Schall redet, wie spricht er [S. 597] zu seinem Sohne? So also, Brüder, so denket euch die Sache, wofern ihr könnt ― wenn man, wie gesagt, Kleines mit Großem einigermaßen vergleichen darf ―, so denket euch die Sache: unkörperlich hat Gott zum Sohne gesprochen, weil der Vater den Sohn unkörperlich gezeugt hat. Und er hat ihn nicht so gelehrt, als hätte er einen Ungelehrten erzeugt, sondern ihn lehren heißt soviel als einen Wissenden erzeugen; und so heißt: „Der Vater hat mich gelehrt“ dasselbe wie: als einen Wissenden hat er mich erzeugt. Denn wenn, was wenige verstehen, die Natur der Wahrheit einfach ist, so ist für den Sohn das Sein dasselbe, was das Wissen ist.Von dem also hat er das Wissen, von dem er das Sein hat, nicht so, als ob er von ihm zuerst wäre und nachher von ihm das Wissen empfinge, sondern wie er jenem durch die Erzeugung das Sein gab, so hat er ihm durch die Erzeugung das Wissen gegeben, weil für die einfache Natur der Wahrheit, wie gesagt, Sein und Wissen nicht etwas Verschiedenes, sondern dasselbe ist.

1: Ps. 118, 73 [hebr. Ps. 119, 73].
2: Durch das natürliche Licht der Vernunft oder durch die erleuchtende Gnade.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger