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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
39. Vortrag

8.

Ich sehe, es ist deutlicher zu reden. Jedoch um euch nicht allzu lange hinzuhalten, wollen wir es heute damit bewenden lassen; wenn ich fertig bin mit dem, was ich mit der Hilfe Gottes sagen will, soll der Vortrag schließen. Dies habe ich deshalb gesagt, um euch [S. 589] gespannt zu machen. Jede Seele ― weil sie etwas Veränderliches ist und wenn auch ein bedeutendes Geschöpf doch eben ein Geschöpf, und obwohl vorzüglicher als der Leib, dennoch erschaffen ―, jede Seele also, weil sie veränderlich ist, d. h. bald glaubt, bald nicht glaubt, bald will, bald nicht will, bald unkeusch, bald keusch ist, bald gut, bald bös ist, ist veränderlich, Gott aber ist das, was er ist; darum hat er sich einen eigenen Namen vorbehalten: „Ich bin, der ich bin“1. So auch2 der Sohn, indem er sagt: „Wenn ihr nicht glaubet, daß ich bin“. Dahin gehört auch: „Wer bist Du? Der Anfang“3. Gott also ist unveränderlich, die Seele veränderlich. Wenn die Seele von Gott erhält, wodurch sie gut ist, wird sie durch Teilnahme gut, wie dein Auge durch Teilnahme sieht. Denn nach Entziehung des Lichtes sieht es nicht, während es durch Teilnahme daran sieht. Da also die Seele durch Teilnahme gut wird, so bleibt doch, wenn sie sich ändert und schlecht zu sein anfängt, die Güte, an der teilnehmend sie gut war. Einer gewissen Güte nämlich war sie teilhaft, als sie gut war; wenn eine Änderung zum Schlimmeren eintritt, so bleibt doch die Güte selbst unversehrt. Wenn die Seele rückwärts kommt und schlecht wird, vermindert sich die Güte nicht; wenn sie umkehrt und gut wird, wächst die Güte nicht. Dein Auge ist dieses Lichtes teilhaftig geworden, und du siehst. Ist es geschlossen? Du hast dieses Licht nicht vermindert. Ist es offen? Du hast dieses Licht nicht vermehrt. Aus diesem Gleichnis, Brüder, erkennet, daß, wenn die Seele fromm ist, die Frömmigkeit bei Gott es ist, woran die Seele teilnimmt; wenn die Seele keusch ist, die Keuschheit bei Gott es ist, woran die Seele teilnimmt; wenn die Seele gut ist, die Güte bei Gott es ist, woran die Seele teilnimmt; wenn die Seele wahrhaftig ist, die Wahrheit bei Gott es ist, woran die Seele teilnimmt. Und wenn die Seele daran nicht teil hat, „ist jeder Mensch lügenhaft“4; [S. 590] wenn jeder Mensch lügenhaft ist, so ist kein Mensch von dem Seinigen wahrhaft. Der wahrhaftige Vater aber ist von dem Seinigen wahrhaft, weil er die Wahrheit gezeugt hat. Etwas anderes ist: dieser Mensch ist wahrhaft, weil er bereits die Wahrheit vernommen hat; etwas anderes ist, Gott ist wahrhaft, weil er die Wahrheit gezeugt hat. Siehe, wie Gott wahrhaftig ist, nicht durch Teilnahme, sondern durch Zeugung der Wahrheit. Ich sehe, daß ihr es verstanden habt, und freue mich; es genüge für heute; das übrige werden wir, wenn es dem Herrn gefällt, so wie er es gibt, erklären.

1: Exod. 3, 14.
2: Die Mignesche Ausgabe hat est, andere haben wohl richtiger et.
3: Joh. 8, 24. 25.
4: Ps. 115, 11 [hebr. Ps. 116, 11].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger