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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
38. Vortrag

11.

Und jene, die immer Irdisches im Sinne hatten und immer nach dem Fleische hörten und antworteten, was sagten sie zu ihm? „Wer bist Du?“ Denn Du hast, als Du sagtest: „Wenn ihr nicht glaubet, daß ich es bin“, [S. 580] nicht beigefügt, was Du seiest. Wer bist Du, daß wir glauben? Und er antwortete: „Der Anfang“. Siehe, was Sein heißt. Der Anfang kann nicht verändert werden; der Anfang bleibt in sich und erneuert alles; der Anfang ist es, zu dem gesagt wurde: „Du aber bist immer derselbe, und deine Jahre werden nicht abnehmen“1. „Der Anfang“, sagte er, „weil ich auch zu euch rede“. Glaubet, daß ich der Anfang bin, damit ihr nicht in euren Sünden sterbet. Denn gleichsam als hätten sie mit ihrer Frage: „Wer bist Du?“ nichts anderes gesagt als: Was sollen wir glauben, daß Du bist, antwortete er: „Der Anfang“2, d. h. glaubet an mich als den Anfang. In der griechischen Sprache nämlich ist ein Unterschied, der im Lateinischen nicht wiedergegeben werden kann. Denn bei den Griechen ist „Anfang“ weiblichen Geschlechtes, wie bei uns lex (Norm) weiblichen Geschlechtes ist, während das griechische Wort männlichen Geschlechtes ist, wie anderseits „Weisheit“ bei uns und bei den Griechen weiblichen Geschlechtes ist. Der Sprachgebrauch wechselt darum in verschiedenen Sprachen die Geschlechter der Wörter, da man doch in den Sachen selbst kein Geschlecht findet. Denn die Weisheit ist nicht wirklich ein Weib, indem ja Christus die Weisheit Gottes ist3, Christus aber im männlichen Geschlechte ausgedrückt wird, die Weisheit im weiblichen. Da also die Juden sagten: „Wer bist Du?“ so gab der, welcher wußte, daß unter ihnen einige glauben würden, und daß sie deshalb sagten: „Wer bist Du“, um zu erfahren, wofür sie ihn zu halten hätten, zur Antwort: „Der Anfang“, nicht als ob er sagte: Ich bin der Anfang, sondern als ob er sagte: Glaubet an mich als an den Anfang. Dies tritt, wie schon gesagt, in der griechischen Sprache ganz deutlich hervor, wo „Anfang“ weiblichen Geschlechtes ist. Wie [S. 581] wenn er sagen wollte, er sei die Wahrheit, und auf die Frage: Wer bist Du? antworten würde: Haltet mich für die Wahrheit, da es doch scheint, er hätte auf die Frage: Wer bist Du, antworten sollen: Die Wahrheit, d. h. ich bin die Wahrheit. Aber er gab eine tiefere Antwort, da er sah, daß sie so zu ihm gesagt: „Wer bist Du?“, als ob sie sagen wollten: Weil wir von Dir gehört haben: „Wenn ihr nicht glaubet, daß ich es bin“, was sollen wir nun von Dir glauben? Darauf antwortete er: „Der Anfang“, als ob er sagen würde: Glaubet an mich als den Anfang. Und er fügte hinzu: „Weil ich auch zu euch rede“, d. h. weil ich, um euretwillen niedrig geworden bin, mich zu diesen Worten herabgelassen habe. Denn wenn der Anfang, wie er ist, so bei dem Vater bliebe, daß er nicht Knechtsgestalt annähme und als Mensch zu Menschen redete, wie sollten sie ihm dann glauben, da die schwachen Herzen das im Geiste zu erfassende Wort ohne sinnlichen Laut nicht hören konnten? Also, sagte er, glaubet, daß ich der Anfang bin, weil ich, damit ihr glaubet, nicht bloß bin, sondern auch zu euch rede. Allein hierüber ist noch vieles zu euch zu reden; möge es eurer Liebe gefallen, daß wir das übrige aufbewahren, um es mit Gottes Hilfe morgen zu behandeln.

1: Ps. 101, 28 [hebr. Ps. 102, 28].
2: Die Vulgata übersetzt das griechische Wort τὴν ἀρχήν [tēn archēn] (das ohne Zweifel nicht substantivisch, sondern adjektivisch zu fassen ist = ursprünglich oder anfangs) mit principium, was Augustin nach dem Griechischen als Akkusativ verstanden wissen will. Es sollte darum in der obigen Übersetzung „Anfang“ stets im Akkusativ stehen, allein dies geht im Deutschen nicht gut an.
3: 1 Kor. 1, 24.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger