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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
38. Vortrag

10.

Ich will also mit unserm Herrn Jesus Christus reden, ich will mit ihm reden, und er möge mich hören. Ich glaube an seine Gegenwart, ich zweifle daran durchaus nicht; denn er selbst hat gesagt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“1. O Herr, unser Gott, was heißt das, was Du gesagt hast: „Wenn ihr nicht glaubet, daß ich bin“? Was ist denn nicht von dem, was Du gemacht hast? Ist etwa der Himmel nicht? Ist etwa die Erde nicht? Ist etwa das nicht, was auf der Erde und im Himmel ist? Ist etwa der Mensch selbst, mit dem Du redest, nicht? Ist etwa der [S. 578] Engel, den Du sendest, nicht? Wenn all das ist, was durch Dich gemacht worden ist, was hast Du dann als etwas Dir ausschließlich Eigenes von dem Sein vorbehalten, was Du andern nicht gegeben, damit Du allein seiest? Denn wie höre ich: „Ich bin, der ich bin“, als ob das andere nicht wäre? Und wie höre ich: „Wenn ihr nicht glaubet, daß ich bin“? Waren denn jene nicht, welche es hörten? Auch wenn sie Sünder waren, sie waren Menschen. Was fange ich also an? Was das Sein selbst sei, das sage er dem Herzen, das sage er innerlich, das rede er innerlich, der innere Mensch höre, der Geist fasse das wahrhafte Sein; es ist nämlich das stets sich gleichbleibende Sein. Denn irgendein Ding, durchaus jedes Ding (ich habe bereits zu erklären angefangen, und habe aufgehört bloß zu suchen, vielleicht will ich, was ich gehört habe, reden; er gebe meinem Herzen Frohlocken und dem eurigen, wenn ich rede), jedes Ding nämlich, mag es von einer noch so ausgezeichneten Beschaffenheit sein, wenn es veränderlich ist, es ist nicht wahrhaft; denn das wahrhafte Sein ist dort nicht, wo auch ein Nichtsein ist. Was immer nämlich der Veränderung unterliegt, ist nach der Veränderung nicht mehr das, was es war; wenn es nicht mehr das ist, was es war, dann ist daselbst eine Art Tod eingetreten; es ist daselbst etwas vernichtet worden, was war und nicht mehr ist. Die schwarze Farbe ist verschwunden auf dem Haupte des weißgewordenen Greises; die Schönheit ist verschwunden in dem Körper des kraftlosen und gebückten Alten; verschwunden sind die Kräfte im Körper des Kranken; verschwunden ist das Stehen im Körper des Gehenden; verschwunden ist das Gehen im Körper des Stehenden; verschwunden ist das Gegen und Stehen im Körper des Liegenden; verschwunden ist das Reden auf der Zunge des Schweigenden: wo immer etwas sich ändert und ist, was es nicht war, da sehe ich ein gewisses Leben, sofern es ist und einen gewissen Tod, sofern es war. Endlich wenn von einem Gestorbenen gesagt wird: Wo ist jener Mensch? so antwortet man: er war. O Wahrheit, die du wahrhaft bist! Denn in all unsern Handlungen und Bewegungen und überhaupt in jeder Regung eines Geschöpfes finde ich zwei [S. 579] Zeiten, Vergangenheit und Zukunft. Die Gegenwart suche ich, nichts hat Bestand; was ich gesprochen habe, ist bereits nicht mehr; was ich sprechen will, ist noch nicht; was ich getan habe, ist nicht mehr; was ich tun will, ist noch nicht; was ich gelebt habe, ist nicht mehr; was ich leben will, ist noch nicht. Vergangenheit und Zukunft finde ich in jeder Bewegung der Dinge; in der Wahrheit, die bleibt, finde ich keine Vergangenheit und Zukunft, sondern nur Gegenwart, und zwar unvergängliche, was in dem Geschöpfe nicht zutrifft. Betrachte die Änderungen der Dinge, du wirst finden ein War und ein Wird sein; betrachte Gott, und du wirst finden ein Ist, worin War und Wird nicht sein kann. Damit also auch du seiest, übersteige die Zeit! Aber wer wird sie mit eigenen Kräften übersteigen? Es erhebe dahin der, welcher zum Vater gesagt hat: „Ich will, daß, wo ich bin, auch sie mit mir seien“2. Da also dies der Herr Jesus Christus versprach, damit wir nicht sterben in unsern Sünden, so scheint er mir nichts anderes mit diesen Worten gesagt zu haben: „Wenn ihr nicht glaubet, daß ich es bin“, wahrlich nichts anderes scheint er mir mit diesen Worten gesagt zu haben als dies: Wenn ihr nicht glaubet, daß ich Gott bin, werdet ihr in euren Sünden sterben. Gut, Gott sei Dank, daß er gesagt hat: „Wenn ihr nicht glaubet“, daß er nicht gesagt hat: Wenn ihr es nicht fasset. Denn wer möchte dies fassen? Oder habt ihr wirklich, da ich zu euch zu reden wagte, und ihr es zu verstehen schienet, etwas von der so unaussprechlich großen Sache erfaßt? Wenn du es also nicht fassest, so befreit dich der Glaube. Daher sprach auch der Herr nicht: Wenn ihr es fasset, daß ich es bin, sondern was sie konnten, sagte er: „Wenn ihr nicht glaubet, daß ich es bin, werdet ihr sterben in euren Sünden“.

1: Matth. 28, 20.
2: Joh. 17, 24.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger