Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
37. Vortrag

9.

Höre, du Tor: „Seine Stunde war noch nicht gekommen“, nicht jene, in welcher er zu sterben gezwungen würde, sondern jene, in welcher er getötet zu werden sich würdigen würde. Denn er selbst wußte, wann er sterben sollte; er richtete sein Augenmerk auf alles, was von ihm vorhergesagt wurde, und wartete auf das Ende alles dessen, was nach den Vorhersagungen vor seinem Leiden eintreten sollte, damit, wenn es erfüllt wäre, dann auch das Leiden folgte, nach der Anordnung der Vorsehung, nicht durch eine vom Fatum auferlegte Notwendigkeit. Kurz, höret, um die Probe zu machen. Unter anderm, was von ihm vorhergesagt wurde, steht auch dies geschrieben: „Sie taten in meine Speise Galle und in meinem Durst tränkten sie mich mit Essig“1. Wie das in Erfüllung ging, wissen wir aus dem Evangelium. Zuerst gaben sie ihm Galle; er nahm, kostete und spie sie aus. Hernach sprach er am Kreuze hängend, damit jede Vorhersagung sich erfüllte: „Mich dürstet“. Sie nahmen einen mit Essig gefüllten Schwamm, banden ihn an ein Rohr und reichten ihn dem am Kreuze Hängenden; er nahm davon und sprach: „Es ist vollbracht“. Was heißt: „Es ist vollbracht“? Es hat sich alles erfüllt, was vor meinem Leiden vorhergesagt wurde; was tue ich also noch hier? Endlich, nachdem er gesagt hatte: „Es ist vollbracht“, „neigte er sein Haupt und gab seinen Geist auf“2. Haben etwa jene nebenan gekreuzigten Räuber, wann sie wollten, das Leben ausgehaucht? Sie wurden durch die Bande des Fleisches gehalten, weil sie nicht die Schöpfer des Fleisches waren; mit Nägeln angeheftet, wurden sie lange gepeinigt, weil sie über die Schwäche keine Macht hatten. Der Herr aber nahm, als er wollte, im jungfräulichen Schoße das [S. 568] Fleisch an; trat, als er wollte, vor die Menschen hin; lebte, solange er wollte, unter den Menschen; schied, als er wollte, vom Fleische; das war Sache der Macht, nicht der Notwendigkeit. Diese Stunde wartete er ab, nicht die vom Fatum verhängte, sondern die zweckmäßige und von ihm frei erwählte, damit zuerst alles erfüllt würde, was vor seinem Leiden erfüllt werden mußte. Denn wie sollte der unter der Notwendigkeit des Fatums gestanden sein, der an einer andern Stelle sprach: „Ich habe die Macht, mein Leben hinzugeben, und habe die Macht, es wieder zu nehmen; niemand nimmt mein Leben von mir, sondern ich selbst gebe es hin und nehme es wieder“3? Er zeigte diese Macht, als er zu den Juden, die ihn suchten, sagte: „Wen suchet ihr?“ Und sie: „Jesus“. Und er: „Ich bin es“. Da sie dieses Wort hörten, „wichen sie zurück und fielen nieder“4.

1: Ps. 68, 22 [hebr. Ps. 69, 22].
2: Joh. 19, 28―30.
3: Joh. 10, 18.
4: Joh. 18, 4. 6.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Bilder Vorlage

Navigation
. Mehr
. 29. Vortrag.
. 30. Vortrag
. 31. Vortrag
. 32. Vortrag
. 33. Vortrag
. 34. Vortrag
. 35. Vortrag
. 36. Vortrag
. 37. Vortrag
. . Einleitung.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. . 9.
. . 10.
. 38. Vortrag
. 39. Vortrag
. 40. Vortrag
. 41. Vortrag
. 42. Vortrag
. 43. Vortrag
. 44. Vortrag
. 45. Vortrag
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger