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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
37. Vortrag

10.

Es sagt einer: Wenn dies in seiner Macht stand, warum ist er, als die Juden den am Kreuze Hängenden verspotteten und sagten: „Wenn du der Sohn Gottes bist, steige herab vom Kreuze“1, nicht herabgestiegen, um ihnen durch das Herabsteigen seine Macht zu zeigen? Weil er Geduld lehrte, deshalb verschob er die Macht. Denn wenn er, durch ihre Worte gleichsam ins Wanken gebracht, herabgestiegen wäre, so hätte es den Anschein genommen, als sei er durch den Schmerz über die Schmähungen besiegt worden. Er stieg keineswegs herab, er blieb fest, um zu scheiden, wann er wollte. Denn was war es Großes für ihn, vom Kreuze herabzusteigen, der doch imstande war, vom Grabe zu erstehen? Mögen also wir, zu deren Gunsten dies geschah, erkennen, daß die Macht unseres Herrn Jesu Christi damals sich verbarg, um offenbar zu werden im Gericht, von dem es heißt: „Gott wird sichtbar kommen, unser Gott, und wird nicht schweigen“2. Was heißt: „Er wird sichtbar kommen“? Weil er zuerst verborgen kam, wird er sichtbar kommen, unser Gott, d. i. Christus. [S. 569] Und er wird nicht schweigen. Was heißt: „Er wird nicht schweigen“? Weil er zuerst schwieg. Wo schwieg er? Da er gerichtet wurde, damit auch dies erfüllt würde, was der Prophet gleichfalls vorausgesagt hatte: „Wie ein Schaf wurde er zur Schlachtung geführt, und wie ein Lamm stumm vor seinem Scherer, so tat er seinen Mund nicht auf“3. Wenn er also nicht hätte leiden wollen, so würde er nicht gelitten haben; wenn er nicht gelitten hätte, so wäre sein Blut nicht vergossen worden; wenn sein Blut nicht vergossen worden wäre, würde die Welt nicht erlöst worden sein. Sagen wir also Dank sowohl für die Macht seiner Gottheit wie für die Erbarmung seiner Schwachheit: für die verborgene Macht, welche die Juden nicht kannten, weshalb zu ihnen gesagt wurde: „Ihr kennet weder mich noch meinen Vater“4; für das angenommene Fleisch, welches die Juden kannten und dessen Herkunft ihnen ebenfalls nicht unbekannt war, weshalb er an einer andern Stelle sagte: „Sowohl mich kennet ihr, als auch woher ich bin, wißt ihr“5. Beides wollen wir in Christus erkennen, sowohl das, wodurch er dem Vater gleich ist, wie das, wodurch er geringer ist als der Vater. Nach der einen Seite ist er das Wort, nach der andern Fleisch; nach der einen Seite ist er Gott, nach der andern Mensch; aber einer ist Christus als Gott und Mensch.

1: Matth. 27, 40.
2: Ps. 49, 3 [hebr. Ps. 50, 3].
3: Is. 53, 7.
4: Joh. 8, 19.
5: Joh. 7, 28.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger