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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
36. Vortrag

4.

„Ich richte niemand.“ Richtet also der Herr Jesus Christus niemand? Ist es nicht der, von dem wir bekennen, er sei auferstanden am dritten Tage, aufgefahren in den Himmel, sitze dort zur Rechten des Vaters, werde von dort kommen, um zu richten die Lebendigen und die Toten? Ist dies nicht unser Glaube, von dem der Apostel sagt: „Mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit, mit dem Munde aber geschieht das Bekenntnis zum Heile“1. Wenn wir also dies bekennen, sprechen wir da gegen den Herrn? Wir sagen, er werde kommen als Richter der Lebendigen und der Toten, er aber sagt: „Ich richte niemand“. Diese Frage kann auf zweierlei Art gelöst werden, entweder so, daß wir es dahin verstehen: „Ich richte niemand“, d. h. jetzt, wie er an einer andern Stelle sagt: „Ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um die Welt selig zu machen“2, wobei er sein Gericht nicht leugnet, sondern nur aufschiebt. Oder wenigstens er fügte den Worten: „Ihr richtet nach dem Fleische“, in dem Sinne dazu:“Ich richte niemand“, daß man darunter verstehe: nach dem Fleische. Es soll uns also gegen den Glauben, den wir von Christus dem Richter festhalten und verkünden, kein Skrupel eines Zweifels im Herzen zurückbleiben. Christus kam, aber zunächst um zu retten, hernach um zu richten, und zwar um diejenigen zu richten, die sich nicht retten lassen wollten, diejenigen zum Leben zu führen, die glaubend das Heil nicht zurückwiesen. Die erste Tätigkeit unseres Herrn Jesus Christus ist heilend, nicht richterlich; denn wenn er zuerst gekommen wäre um zu richten, so würde er niemand gefunden haben, dem er den Lohn der Gerechtigkeit hätte erteilen können. Weil er also alle als Sünder erkannte und gar keinen frei vom Tode der Sünde, so mußte zuerst seine Barmherzigkeit an den Tag gelegt und dann das Gericht [S. 548] offenbar gemacht werden; hatte doch der Psalm von ihm gesagt: „Von Barmherzigkeit und Gericht will ich Dir singen, o Herr“3. Er sagt nämlich nicht: Gericht und Barmherzigkeit; denn wäre zuerst das Gericht, so wäre keine Barmherzigkeit, sondern (er sagt) zuerst Barmherzigkeit, dann Gericht. Was heißt: zuerst Barmherzigkeit? Der Schöpfer des Menschen würdigte sich Mensch zu sein; er ist geworden, was er gemacht hatte, damit der nicht verloren ginge, den er gemacht hatte. Was kann zu solcher Barmherzigkeit noch hinzugefügt werden? Und doch hat er etwas hinzugefügt. Es war ihm zu wenig, Mensch zu werden, sondern er wollte auch von den Menschen verworfen werden; es war ihm zu wenig, verworfen zu werden, er wollte auch entehrt werden; es war ihm zu wenig, entehrt zu werden, er wollte auch getötet werden; allein auch dies ist noch zu wenig, er wollte den Tod des Kreuzes erleiden. Denn auch dem Apostel war es, als er seinen Gehorsam bis zum Tode rühmend hervorhob, nicht genug zu sagen: „Er ward gehorsam bis zum Tode“, nicht bis zu irgendwelchem Tode, sondern er fügte hinzu: „bis zum Tode des Kreuzes“4. Diese Todesart war die schlimmste unter allen Todesarten. Um es kurz zu sagen, wo die heftigsten Schmerzen brennen, nennt man sie cruciatus (Kreuzigung, Qual), was von crux (Kreuz) herkommt. Denn die gekreuzigt am Holze Hängenden, an Füßen und Händen mit Nägeln durchbohrt, wurden langsamen Todes hingemordet. Denn gekreuzigt werden war nicht soviel wie getötet werden, sondern man lebte lange am Kreuze, nicht weil man ein längeres Leben wählte, sondern weil der Tod selbst hinausgezogen wurde, damit der Schmerz nicht zu schnell vorüber wäre. Sterben wollte er für uns; wir sagen zu wenig, gekreuzigt zu werden würdigte er sich, indem er gehorsam ward bis zum Tode des Kreuzes. Er wählte die äußerste und schlimmste Todesart, der da jeden Tod aufheben wollte; durch die schlimmste Todesart vernichtete er jeden Tod. Die schlimmste war sie für die einsichtslosen [S. 549] Juden, denn von seiten des Herrn war sie erwählt. Denn gerade sein Kreuz sollte er einst zum Wahrzeichen haben, gerade das Kreuz sollte er als Trophäe über den besiegten Teufel auf die Stirne der Gläubigen setzen, so daß der Apostel sprach: „Mir aber sei es ferne, mich zu rühmen außer im Kreuze unseres Herrn Jesu Christi, durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist, und ich der Welt“5. Nichts war damals im Fleische unerträglicher, nichts ist jetzt auf der Stirne rühmlicher. Was behält seinem Gläubigen der vor, der mit solcher Ehre seinen Martertod umgab? Mit einem Worte, der Kreuzestod gehört jetzt nicht mehr zu den Strafen der Verurteilten bei den Römern; denn seitdem das Kreuz des Herrn so sehr geehrt wurde, glaubte man, daß auch der Verurteilte geehrt würde, wenn er gekreuzigt würde. Der also deshalb kam, richtete niemand und erduldete die Bösen. Er ertrug ein ungerechtes Gericht, um ein gerechtes zu üben. Aber darin, daß er ein ungerechtes ertrug, zeigte er seine Barmherzigkeit. Kurz, indem er sich so erniedrigte, daß er ans Kreuz kam, verzögerte er zwar die Macht, gab aber die Barmherzigkeit bekannt. Wie verzögerte er die Macht? Indem er vom Kreuze nicht herabsteigen wollte, er, der vom Grabe auferstehen konnte. Wie machte er die Barmherzigkeit bekannt? Indem er am Kreuze hängend sagte: „Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun6“. ― Entweder also deshalb, weil er nicht gekommen war, die Welt zu richten, sondern die Welt selig zu machen, sagte er: „Ich richte niemand“, oder, wie ich erwähnte, weil er gesagt hatte: „Ihr richtet nach dem Fleische“, fügte er hinzu: „Ich richte niemand“, damit wir nämlich erkennen, Christus richte nicht nach dem Fleische, wie allerdings er von den Menschen gerichtet wurde.

1: Röm. 10, 10.
2: Joh. 12, 47.
3: Ps. 100, 1 [hebr. Ps. 101, 1].
4: Phil. 2, 8.
5: Gal. 6, 14.
6: Luk. 23, 34.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger