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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
29. Vortrag.

6.

Wenn wir es verstanden haben, Gott sei Dank; wenn es aber einer nicht genügend verstanden hat, so hat der Mensch getan, was er konnte; er mag zusehen, woher er das übrige erhoffe1. Äußerlich können wir als Arbeiter pflanzen und begießen, aber Gottes Sache ist es, das Wachstum zu geben2. „Meine Lehre“, sagt er, „ist nicht die meine, sondern die Lehre dessen, der mich gesandt hat.“ Es höre einen Rat, wer sagt: Ich habe es noch nicht verstanden. Da nämlich etwas Großes und Tiefes gesagt worden war, so sah allerdings Christus der Herr selbst voraus, daß nicht alle diesen tiefen Sinn verstehen würden, und gab im Folgenden einen Rat. [S. 481] Willst du verstehen? Glaube. Denn Gott hat durch den Propheten gesagt: „Wenn ihr nicht glaubet, werdet ihr nicht verstehen“3. Dahin gehört auch, was hier der Herr nachher beifügte: „Wenn jemand den Willen desselben tun will, der wird betreffs der Lehre erkennen, ob sie aus Gott ist, oder ob ich aus mir selbst rede“. Was heißt das: „Wer den Willen desselben tun will“? Allein ich hatte gesagt: Wenn jemand glaubt, und hatte diesen Rat gegeben: Wenn du es nicht verstanden hast, so glaube. Denn das Verständnis ist der Lohn des Glaubens. Suche also nicht zu verstehen, um zu glauben, sondern glaube, um zu verstehen; denn „wenn ihr nicht glaubet, werdet ihr nicht verstehen“. Während ich also zur Ermöglichung des Verständnisses den Gehorsam des Glaubens angeraten und gesagt habe, der Herr Jesus Christus habe gerade dies beigefügt in dem folgenden Satze, finden wir, er habe gesagt: „Wenn jemand den Willen desselben tun will, wird er betreffs der Lehre erkennen“. Was heißt: „Er wird erkennen“? Es heißt: er wird verstehen. Was heißt aber: „Wenn jemand den Willen desselben tun will“? Es heißt: glauben. Allein daß: „er wird erkennen“, soviel ist als: er wird verstehen, sehen alle ein; daß aber die Worte: „Wenn jemand den Willen desselben tun will“, sich auf das Glauben beziehen, dazu haben wir zum besseren Verständnis unsern Herrn selbst als Erklärer nötig, damit er uns zeige, ob die Erfüllung des Willens des Vaters wirklich zum Glauben gehöre. Wer wüßte nicht, den Willen Gottes tun, heiße sein Werk wirken, d. h. das, was ihm wohlgefällig ist? Der Herr selbst aber sagt an einer anderen Stelle deutlich: „Dies ist das Werk Gottes, daß ihr an den glaubet, den er gesandt hat“4. „Daß ihr an ihn glaubet“, nicht „daß ihr ihm glaubet“. Aber wenn ihr an ihn glaubet, glaubet ihr ihm; nicht aber glaubt sofort an ihn, wer ihm glaubt. Denn auch die Dämonen glaubten ihm, und sie glaubten nicht an ihn. Hinwieder können wir auch von seinen Aposteln sagen: wir glauben dem Paulus, aber nicht: wir glauben an [S. 482] Paulus; wir glauben dem Petrus, aber nicht: wir glauben an Petrus. Denn „dem, der an denjenigen glaubt, welcher den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit angerechnet“5. Was heißt also an ihn glauben? Durch Glauben ihm zugetan sein, durch Glauben ihn lieben, durch Glauben sich ihm zuwenden und mit seinen Gliedern verbunden werden. Dies also ist der Glaube, welchen Gott von uns verlangt, und er findet nicht, was er verlangt, wenn er nicht zuerst gibt, was er finden möchte. Was für ein Glaube ist das, wenn nicht eben der, welchen der Apostel an einer andern Stelle sehr bestimmt bezeichnet mit den Worten: „Weder die Beschneidung gilt etwas noch die Vorhaut, sondern der Glaube, der durch die Liebe wirkt“6. Nicht jeder beliebige Glaube, sondern „der Glaube, der durch die Liebe wirkt“; dieser sei in dir, und du wirst die Lehre verstehen. Was denn wirst du verstehen? Daß diese „Lehre nicht die meine ist, sondern die Lehre dessen, der mich gesandt hat“, d. h. du wirst erkennen, daß Christus der Sohn Gottes, welcher die Lehre des Vaters ist, nicht aus sich selbst ist, sondern der Sohn des Vaters ist.

1: Das heißt: Als schwacher Mensch hat er das Seinige getan, das übrige, was er nicht verstanden, wird ihm Gott erschließen.
2: 1 Kor. 3, 6.
3: Is. 7, 9; nach LXX.
4: Joh. 6, 29.
5: Röm. 4, 5.
6: Gal. 5, 6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger