Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
28. Vortrag.

9.

Alles, was dem alten Volke Israel in der so verschiedenartigen Schrift des heiligen Gesetzes gesagt wurde, was sie tun sollten, sei es in Opfern, sei es in priesterlichen Verrichtungen, sei es an Festen oder überhaupt in allen gottesdienstlichen Angelegenheiten ―, alles, was ihnen gesagt und befohlen wurde, waren Schatten der zukünftigen Dinge. Welcher zukünftigen Dinge? Jener, die in Christus in Erfüllung gehen. Daher sagt der Apostel: „Denn alles, was Gott verheißen hat, ist in ihm Ja“1, d. h. hat sich in ihm erfüllt. Dann sagt er an einer andern Stelle: „Alles widerfuhr ihnen im Vorbilde; geschrieben aber wurde es wegen uns, denen das Ende der Zeiten beschieden ist“2. Auch anderswo sagt er: „Denn das Ziel des Gesetzes ist Christus“3. Desgleichen an einer andern Stelle: „Niemand richte euch in Speise oder Trank oder wegen eines Festes oder des Neumondes oder des Sabbats, was ein Schatten des Künftigen ist“4. Wenn also dies alles Schatten der zukünftigen Dinge waren, dann war auch das Laubhüttenfest ein Schatten des Zukünftigen. Untersuchen wir nun, von welchem Zukünftigen dieses Fest ein Schatten war. Ich habe euch dargelegt, was das Laubhüttenfest selbst war; es war die Feier der Zelte, weil das aus Ägypten befreite Volk auf seinem Zug durch die Wüste in das Land der Verheißung in Zelten wohnte. Lasset uns erkennen, was dies sei, und wir werden es sein; wir, sage ich, die wir Glieder Christi sind, wenn wir es sind; wir sind es aber durch seine Gnade, nicht durch unser Verdienst. Geben wir also acht, Brüder: wir sind herausgeführt worden aus Ägypten, wo wir dem Teufel als dem Pharao dienten, wo wir Lehmwerke in irdischen Gelüsten vollbrachten und dabei uns abmühten. Denn [S. 474] uns hat Christus, da wir sozusagen Ziegelsteine machten, zugerufen: „Kommet zu mir, ihr alle, die ihr mühselig und beladen seid“5. Daraus befreit durch die Taufe wie durch das Rote Meer ― rot deshalb, weil durch das Blut Christi geheiligt ―, sind wir nach dem Tode aller unserer Feinde, die uns verfolgten, d. h. nach Tilgung aller unserer Sünden, übergesetzt worden. Bevor wir nun in das Land der Verheißung d. i. in das ewige Reich kommen, befinden wir uns in der Wüste in Zelten. Die das einsehen, sind in den Zelten, es sollten ja einst solche kommen, die das einsehen würden. Denn der ist in den Zelten, der sich in der Welt als ein Fremdling vorkommt. Der erkennt sich als Fremdling, der sieht, wie er nach dem Vaterlande sich sehnt. Wenn aber der Leib Christi in den Zelten ist, ist Christus in den Zelten. Jedoch damals nicht sichtbar, sondern verborgen. Denn noch verdunkelte der Schatten das Licht; als das Licht kam, wich der Schatten. Christus war im verborgenen, im Laubhüttenfest war Christus, aber der verborgene Christus. Da nunmehr dies offenbar geworden ist, erkennen wir, daß wir in der Einöde (in eremo) wandern; denn wenn wir es nur einmal erkennen, sind wir in der Einöde. Was heißt „in der Einöde“? In der Wüste (in deserto). Warum in der Wüste? Weil in dieser Welt, wo man dürstet auf wasserlosem Wege. Jedoch wir wollen dürsten, um gesättigt zu werden. Denn „selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden“6. Und unser Durst wird aus dem Felsen gestillt in der Wüste; denn „der Fels war Christus“, und er wurde mit dem Stabe geschlagen, daß Wasser daraus flösse. Damit es aber floß, wurde er zweimal geschlagen7, weil es zwei Kreuzesbalken sind. All dieses also, was im Vorbild geschah, wird in uns offenbar. Und es ist nicht bedeutungslos, daß es vom Herrn heißt: „Er ging hinauf zum Fest, aber nicht öffentlich, sondern gleichsam heimlich“. Denn das gerade war im verborgenen vorhergebildet worden, daß [S. 475] Christus an diesem Feste verborgen war, weil das Fest die dereinst auf der Wanderschaft begriffenen Glieder Christi bedeutete.

1: 2 Kor. 1, 20.
2: 1 Kor. 10, 11.
3: Röm. 10, 4.
4: Kol. 2, 16. 17.
5: Matth. 11, 28.
6: Matth. 5, 6.
7: 1 Kor. 10, 4; Num. 20, 11.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Bilder Vorlage

Navigation
. Mehr
. 20. Vortrag.
. 21. Vortrag.
. 22. Vortrag.
. 23. Vortrag.
. 24. Vortrag.
. 25. Vortrag.
. 26. Vortrag.
. 27. Vortrag.
. 28. Vortrag.
. . Einleitung.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. . 9.
. . 10.
. . 11.
. . 12.
. 29. Vortrag.
. 30. Vortrag
. 31. Vortrag
. 32. Vortrag
. 33. Vortrag
. 34. Vortrag
. 35. Vortrag
. 36. Vortrag
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger