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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
27. Vortrag.

10.

Der Herr Jesus nun sprach: „Habe ich euch nicht als zwölf erwählt und einer von euch ist ein Teufel?“ Also er hätte sagen sollen: Elf habe ich erwählt. Oder wird auch der Teufel erwählt und befindet sich auch der Teufel unter den Erwählten? Von Erwählten spricht man im lobenden Sinne, oder ist auch dieser erwählt, damit durch ihn ohne sein Wollen und Wissen ein großes Gut zustande käme? Das ist Gott eigentümlich, im Gegensatz zu den Bösen. Wie nämlich die Bösen von den guten Werken Gottes einen schlechten Gebrauch machen, so macht umgekehrt Gott von den schlechten Werken des bösen Menschen einen guten Gebrauch. Wie gut ist es, daß die Glieder des Leibes so sind, wie sie nur von dem kunstfertigen Gott eingerichtet werden können! Wie schlecht jedoch gebraucht die Leichtfertigkeit die Augen? Wie schlecht gebraucht der Trug die Zunge? Tötet nicht der falsche Zeuge mit seiner Zunge zuerst seine eigene Seele und versucht [S. 461] dann, nachdem er an sich Selbstmord begangen, auch den andern zu verletzen? Schlecht gebraucht er die Zunge, aber deshalb ist die Zunge doch nichts Schlechtes; ein Werk Gottes ist die Zunge, aber von dem guten Werke Gottes macht die Bosheit einen schlechten Gebrauch. Wie gebrauchen die Füße jene, die zu Verbrechen eilen? Wie gebrauchen die Hände die Mörder? Und wie schlecht gebrauchen die Bösen die um uns herum liegenden guten Geschöpfe Gottes? Mit Gold bestechen sie die Richter und unterdrücken die Schuldlosen. Das Licht gebrauchen die Bösen schlecht; denn durch ein schlechtes Leben mißbrauchen sie auch sogar das Licht, wodurch sie sehen, zur Vollbringung ihrer Schandtaten. Wenn nämlich der Böse auf eine schlechte Tat ausgeht, will er, daß es ihm leuchte, damit er nicht anstoße, er, der innerlich schon angestoßen hat und zu Fall gekommen ist: was er für den Leib fürchtet, hat er im Geiste bereits erlitten. Alle Güter Gottes also ― um nicht lange die einzelnen durchzugehen ―, gebraucht der Böse schlecht, dagegen gebraucht der Gute gut, was böse Menschen Schlechtes tun. Und was ist so gut als der eine Gott? Da ja der Herr selbst gesagt hat: „Niemand ist gut als einer ― Gott“1. Je besser er also ist, desto besser nützt er unsere schlechten Taten aus. Was war schlechter als Judas? Unter allen Anhängern des Meisters, unter den Zwölfen, wurde ihm der Geldsäckel anvertraut und die Versorgung der Armen angewiesen; undankbar für einen solchen Vorzug, für eine solche Ehre, nahm er das Geld und verlor die Gerechtigkeit, verriet als ein Toter das Leben und verfolgte als Feind den, dem er als Jünger gefolgt war. Das war lauter Bosheit von Judas, aber sein böses Tun hat der Herr gut verwertet. Er ließ sich verraten, um uns zu erlösen. Siehe, das Böse, das Judas getan, ward zum Guten umgewandelt. Wie viele Märtyrer hat der Satan verfolgt? Wenn der Satan das Verfolgen aufgegeben hätte, würden wir heute die so herrliche Krone des heiligen Laurentius nicht feiern. Wenn nun Gott die bösen Werke selbst des Teufels gut gebraucht, so schadet das, [S. 462] was der Böse durch Mißbrauch tut, ihm selbst, widerspricht aber nicht der Güte Gottes. Als Künstler bedient sich seiner Gott, und zwar als ein großer Künstler; wenn er es nicht verstünde, sich seiner zu bedienen, würde er ihn auch nicht existieren lassen. Also „einer von euch ist ein Teufel“, sagt er, da ich euch doch als zwölf erwählt habe. Es kann auch so verstanden werden, wenn er sagt: „Zwölf habe ich erwählt“, daß es eine heilige Zahl ist. Denn wenn auch einer davon verloren ging, so ist deshalb jener Zahl an Ehre nichts genommen worden; denn an die Stelle des Verlorenen ist ein anderer gesetzt worden2. Die Zahl blieb heilig, die Zahl zwölf, weil sie über die ganze Welt hin, d. h. nach den vier Weltgegenden, die Trinität verkünden sollten. Darum dreimal vier. Sich selbst also hat Judas hinweggeschafft, aber die Zwölfzahl hat er nicht aufgehoben; er hat seinen Meister verloren, denn Gott hat für ihn einen Nachfolger gegeben.

1: Mark. 10, 18.
2: Apg. 1, 26.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger