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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
26. Vortrag.

11.

„Ich bin, sagt er, das Brot des Lebens.“ Und worauf waren jene stolz? „Eure Väter, sagt er, haben in der Wüste Manna gegessen, und sie sind gestorben.“ Worauf seid ihr stolz? „Sie haben Manna gegessen, und sie sind gestorben.“ Warum haben sie gegessen und sind gestorben? Weil sie, was sie sahen, glaubten, was sie nicht sahen, nicht erfaßten; darum sind sie eure Väter, weil ihr ihnen ähnlich seid. Denn was diesen sichtbaren und körperlichen Tod betrifft, meine Brüder, sterben wir etwa nicht, die wir das Brot essen, das vom Himmel herabkommt? Auch jene sind so gestorben, wie wir sterben werden, soweit es, wie bemerkt, auf den [S. 445] sichtbaren und fleischlichen Tod dieses Leibes ankommt. Was aber jenen Tod anlangt, vor dem der Herr uns schreckt, den ihre Väter erlitten haben, so hat auch Moses Manna gegessen, so hat auch Aaron Manna gegessen, so hat auch Phinees Manna gegessen, so haben auch noch viele andere davon gegessen, die dem Herrn wohlgefielen, und sie sind nicht gestorben. Warum? Weil sie die sichtbare Speise geistig auffaßten, geistig hungerten, geistig kosteten, um geistig gesättigt zu werden. Denn auch wir nehmen heute die sichtbare Speise, allein etwas anderes ist das Sakrament, etwas anderes die Kraft (Gnade) des Sakramentes. Wie viele nehmen vom Altare und sterben, und sie sterben gerade durch den Empfang. Daher sagt der Apostel: „Er ißt und trinkt sich das Gericht“1. Denn nicht der Bissen des Herrn war ein Gift für Judas. Und doch empfing er ihn, und indem er ihn empfing, fuhr der Feind in ihn, nicht weil er etwas Schädliches empfing, sondern weil der Schlechte das Gute schlecht empfing. Sehet euch also vor, Brüder, esset das Himmelsbrot geistig, bringet ein reines Gewissen an den Altar. Die Sünden, wenn es auch tägliche sind, seien wenigstens keine Todsünden. Bevor ihr zum Altare hinzutretet, bedenket, was ihr sagt: „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“2. Vergibst du, so wird auch dir vergeben werden; tritt zuversichtlich hin; es ist Brot, kein Gift. Aber siehe zu, ob du vergibst; denn wenn du nicht vergibst, lügst du und du lügst dem, den du nicht täuschen kannst. Belügen kannst du Gott, täuschen kannst du Gott nicht. Er weiß, was er zu tun hat3. Er sieht dich innerlich, er erforscht dich innerlich, er durchschaut dich innerlich, er richtet dich innerlich, er verurteilt oder krönt dich innerlich. Ihre Väter aber, d. h. schlechte Väter von Schlechten, ungläubige Väter von Ungläubigen, murrende Väter von Murrenden ― denn wegen nichts hat jenes Volk, wie überliefert wurde, Gott mehr beleidigt als durch Murren wider Gott, weshalb auch der Herr, da er sie als Söhne solcher kennzeichnen [S. 446] wollte, so zu ihnen zu sprechen begann: „Was murret ihr untereinander“, murrende Söhne murrender Väter? „Eure Väter haben Manna gegessen, und sie sind gestorben“, nicht weil das Manna schlecht war, sondern weil sie es auf schlechte Weise gegessen haben.

1: 1 Kor. 11, 29.
2: Matth. 6, 12.
3: Quid agat. Eine andere, wohl bessere Lesart hat: quid agas.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger