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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
25. Vortrag.

17.

Siehe, wie jenes Innere vom Psalmisten empfohlen wird: "Die Menschenkinder aber werden hoffen unter dem Schutze Deiner Flügel"1 . Siehe, was es heißt, hineingehen; siehe, was es heißt, unter seinen Schutz fliehen; siehe auch, was es heißt, unter die Zuchtrute des Vaters sich begeben; er geißelt nämlich jeden Sohn, den er aufnimmt. "Die Menschenkinder aber werden hoffen unter dem Schutz Deiner Flügel." Und was ist im Innern? "Sie werden trunken werden von der Fülle Deines Hauses." Wenn Du sie hineinlässest, werden die in das Haus ihres Herrn Eintretenden "trunken werden von der Fülle Deines Hauses, und mit dem Strome Deiner Wonne wirst Du sie tränken. Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens"2 . Nicht draußen, außerhalb Deiner, sondern drinnen, bei Dir, da ist die Quelle des Lebens. "Und in Deinem Lichte werden wir das Licht schauen. Erzeige Deine Barmherzigkeit denen, die Dich kennen, und Deine Gerechtigkeit denen, die geraden Herzens sind"3 . Die den Willen ihres Herrn befolgen, nicht das Ihrige suchend, sondern das, was des Herrn Jesu Christi ist, die sind geraden Herzens, ihre Füße werden nicht wanken. Denn "gut ist Gott gegen Israel, gegen die, so geraden Herzens sind. Meine Füße aber, sagt er, schwanken beinahe". Warum? "Weil ich geeifert habe gegen die Sünder, da ich den Frieden der Sünder sah"4 . Also gegen welche ist der Herr gut als eben gegen die, welche geraden Herzens sind? Denn mit umgewendeten Herzen mißfiel mir Gott. Warum mißfiel er mir? Weil er den Bösen Glück gewährte, und darum haben mir die Füße gewankt, als hätte ich Gott grundlos gedient. Darum also gerieten meine Füße beinahe ins Wanken, weil ich nicht geraden Herzens war. Was heißt also geraden Herzens sein? Den Willen Gottes befolgen. Der eine ist glücklich, der andere leidet Not: jener führt ein schlechtes Leben und ist glücklich, dieser führt ein gerechtes Leben und leidet Not. Es möge nicht unwillig werden derjenige, der gerecht lebt und elend daran ist, er hat im Innern, was jener Glückliche nicht hat; er betrübe sich also nicht, er härme sich nicht ab, er ermatte nicht. Jener Glückliche hat Gold im Kasten, dieser hat Gott im Gewissen. Vergleiche nun das Gold und Gott, den Kasten und das Gewissen. Der eine hat das, was vergeht, und er hat es da, wo es verloren geht; der andere hat Gott, welcher nicht verloren gehen kann, und er hat ihn dort, wo man ihn nicht rauben kann, jedoch nur wenn er geraden Herzens ist, denn dann geht er hinein und geht nicht heraus. Was sagte darum jener? "Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens", nicht bei uns. Daher müssen wir hineingehen, um zu leben, nicht gleichsam uns selbst genügen, um zugrunde zu gehen, nicht gleichsam mit dem Unsrigen uns sättigen wollen, um zu verdorren, sondern wir müssen den Mund an die Quelle bringen, wo das Wasser nicht ausgeht. Weil Adam nach seiner eigenen Meinung leben wollte, so ist er auch gefallen durch den, der vorher durch Hochmut gefallen war, der ihm den Becher eben dieses Hochmuts reichte. Weil also "bei Dir die Quelle des Lebens ist, und wir in Deinem Lichte das Licht schauen werden", so wollen wir im Innern trinken, im Innern schauen. Denn warum sind wir da herausgekommen? Höre, warum: "Es komme über mich nicht der Fluß des Hochmuts". Also der kam heraus, über welchen der Fluß des Hochmuts kam. Zeige, daß er deshalb herauskam. "Und die Hände der Sünder sollen mich nicht erschüttern", wegen des Flusses des Hochmuts. Warum sagst du dies? "Da sind gefallen alle, welche Unrecht tun." Wo sind sie gefallen? Eben im Hochmut. "Sie sind weggestoßen worden und konnten nicht stehen"5 . Wenn also der Hochmut diejenigen weggestoßen hat, die nicht stehen konnten, so läßt die Demut diejenigen hinein, die stehen können für immer. Denn darum hat der, welcher sprach: "Freuen werden sich die gedemütigten Gebeine", vorher gesagt: "Du wirst meinem Gehöre Freude und Wonne geben"6 . Was heißt: "meinem Gehöre"? Wenn ich Dich höre, bin ich glücklich, wegen Deiner Stimme bin ich glücklich; wenn ich im Innern trinke, bin ich glücklich. Darum falle ich nicht, darum "werden die gedemütigten Gebeine sich freuen", darum "steht der Freund des Bräutigams und hört ihn"7 ; darum steht er, weil er hört. Er trinkt aus der inneren Quelle, darum steht er. Diejenigen, die nicht aus dem Inneren trinken wollten; "die sind da gefallen, sie sind weggestoßen worden und konnten nicht stehen".

1: Ps 35,8
2: Ps 35,9.10
3: Ps 35.11
4: Ps 72,13
5: Ps 35,8-13
6: Ps 50,10
7: Joh 3,29

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger