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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
23. Vortrag.

9.

Ich habe, sagst du, etwas anderes, um zu zeigen; denn mein Sohn ist so unterrichtet, daß er mich hört, auch wenn ich nicht rede; ich brauche ihm bloß durch einen Wink zu zeigen, was er tun soll. Wohlan, zeige durch einen Wink, was du willst, gewiß will dein Geist zeigen, was er in sich hat. Wie machst du den Wink? Versteht sich mit dem Körper, mit den Lippen, dem Gesicht, den Augenbrauen, den Augen, den Händen. Dies alles ist nicht, was dein Geist ist; auch das sind Mittel. Verstanden wurde etwas durch diese Zeichen, die nicht sind, was dein Geist ist, noch was der Geist deines Sohnes ist; sondern all dies, was du mit dem Körper tust, [S. 399] ist unter deinem Geiste und unter dem Geiste deines Sohnes, und es kann dein Sohn deinen Geist nicht erkennen, außer du gibst ihm Zeichen mit dem Körper. Was tue ich also? Das trifft dort nicht zu, dort ist Einfachheit. Der Vater zeigt dem Sohne, was er macht, und dadurch, daß er zeigt, erzeugt er den Sohn. Ich weiß, was ich gesagt habe; allein weil ich auch weiß, zu wem ich es gesagt habe, so möge einmal das Verständnis dafür erwachen. Wenn ihr jetzt nicht begreifen könnt, was Gott ist, so begreifet wenigstens, was Gott nicht ist; ihr werdet weit voranschreiten, wenn ihr von Gott nichts anderes denket, als was er ist. Du kannst noch nicht zur Erkenntnis vordringen, was Gott ist; fasse wenigstens, was er nicht ist. Gott ist kein Körper, nicht die Erde, nicht der Himmel, nicht der Mond, nicht die Sonne, nicht die Sterne, all dies Körperliche ist er nicht. Wenn aber schon kein Himmelskörper, um wieviel weniger ein irdischer? Hinweg mit jedem Körper. Vernimm noch etwas anderes: Gott ist kein veränderlicher Geist. Denn ich bekenne es, und man muß es bekennen, weil es das Evangelium sagt: „Gott ist ein Geist“1. Doch steig hinweg über jeden veränderlichen Geist, steig hinweg über den Geist, der bald etwas weiß, bald es nicht weiß, bald einer Sache sich erinnert, bald sie vergißt; der will, was er nicht wollte, und nicht will, was er wollte; sei es daß er diese veränderlichen Zustände wirklich erleidet oder doch erleiden kann: über all dies steig hinweg. In Gott findest du keine Veränderlichkeit, nichts, was jetzt anders ist und kurz vorher anders war. Denn wo du einen Wechsel des Seins findest, da ist eine Art Tod inzwischen getreten; denn Tod ist ja das Aufhören dessen, was gewesen ist. Unsterblich wird die Seele genannt; sie ist es zwar, weil die Seele immerdar lebt und in ihr ein gewisses dauerndes Leben ist, aber doch ein veränderliches Leben. Gemäß der Veränderlichkeit dieses Lebens kann man sie auch sterblich nennen; denn wenn sie weise lebte und wird unweise, so ist sie zum Schlimmeren gestorben; wenn sie unweise lebte und weise wird, so ist [S. 400] sie zum Besseren gestorben. Denn daß es einen Tod zum Schlimmeren und einen Tod zum Besseren gibt, lehrt uns die Schrift. Waren ja doch zum Schlimmeren gestorben jene, von welchen es heißt: „Laß die Toten, sie sollen ihre Toten begraben“2, und: „Steh auf, der du schläfst, und erhebe dich von den Toten, und Christus wird dich erleuchten“3, und aus der heutigen Lesung: „Da die Toten hören, und die, welche hören, werden leben“. Sie waren zum Schlimmeren gestorben, darum leben sie wieder auf. Indem sie wieder aufleben, sterben sie zum Besseren, weil sie auch durch Wiederaufleben das nicht sein werden, was sie waren; das Aufhören dessen aber, was war, ist Tod. Aber vielleicht nennt man den Übergang zum Besseren nicht Tod? Jedoch der Apostel nannte das Tod: „Wenn ihr aber mit Christus abgestorben seid den Anfangsgründen dieser Welt, was machet ihr Vorschriften, als lebtet ihr noch von der Welt?“4. Und wiederum: „Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott“5. Er will, daß wir sterben, um zu leben, weil wir so gelebt haben, daß wir starben. Was immer also vom Besseren zum Schlimmeren und vom Schlimmeren zum Besseren stirbt, das ist Gott nicht, weil weder die höchste Güte zum Besseren, noch die wahre Ewigkeit zum Schlimmeren sich wandeln kann. Denn wahre Ewigkeit ist da, wo keine Zeit ist. War er aber bald dies und bald jenes? Da ist schon Zeit zugegeben, das ist nicht ewig. Denn damit ihr wisset, daß Gott nicht so ist wie die Seele ― gewiß ist die Seele unsterblich ― was soll es also heißen, wenn der Apostel von Gott sagt: „Der allein Unsterblichkeit hat“6, als daß er deutlich dies zum Ausdruck brachte: Er allein hat Unveränderlichkeit, weil er allein wahre Ewigkeit hat? Also da ist keine Veränderlichkeit.

1: Joh. 4, 24.
2: Matth. 8, 22.
3: Eph. 5, 14.
4: Kol. 2, 20.
5: Kol. 3, 3.
6: 1 Tim. 6, 16.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger