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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
23. Vortrag.

6.

Nachdem nun vorausgeschickt und festgestellt ist, daß die vernünftige Seele nur durch Gott beseligt, der Leib nur durch die Seele belebt wird und die Seele eine Art Mittelding zwischen Gott und dem Leibe ist, so gebet acht und betrachtet mit mir nicht die heutige Lesung, über die wir genügend geredet haben, sondern die gestrige, die wir nun schon seit drei Tagen erwägen und behandeln, und wir graben nach Kräften, bis wir auf Felsengrund stoßen. Christus ist das Wort, Christus ist das Wort Gottes, bei Gott, Christus ist das Wort und das Wort ist Gott, Christus ist Gott und das Wort, der eine Gott. Dahin geh, o Seele, verachte oder übersteige das übrige; dahin geh. Nichts ist mächtiger als jenes Geschöpf, welches vernünftiger Geist heißt, nichts ist erhabener als dieses Geschöpf; was über ihm ist, ist schon der Schöpfer. Ich sagte aber, Christus ist das Wort und Christus ist das Wort Gottes und Christus ist Gott das Wort. Aber Christus ist nicht bloß das Wort; denn „das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“1: also ist Christus Wort und Fleisch. Denn „da er in der Gestalt Gottes war, hielt er es für keinen Raub, Gott gleich zu sein“. Und wie, sollten wir da unten, da wir als schwach und am Boden kriechend Gott nicht erreichen konnten, verlassen werden? Mit nichten. „Er hat sich selbst erniedrigt und die [S. 395] Knechtsgestalt angenommen“2, also die Gestalt Gottes nicht verloren. Es ist also Mensch geworden, der Gott war, indem er annahm, was er nicht war, nicht verlor, was er war; so ist Gott Mensch geworden. Da hast du etwas wegen deiner Schwachheit, da hast du etwas anderes wegen deiner Vervollkommnung. Christus richte dich auf durch das, was er als Mensch ist, er geleite dich durch das, was er als Gottmensch ist, er führe dich zu dem, was er als Gott ist. Und die ganze Predigt und Erlösung durch Christus ist diese, meine Brüder, und keine andere, daß die Seelen auferstehen und auch die Leiber auferstehen. Beide waren nämlich tot, der Leib infolge von Schwäche, die Seele infolge von Sündhaftigkeit. Da beide tot waren, sollen beide auferstehen. Was heißt „beide“? Seele und Leib. Wie denn nun die Seele als eben durch den Gott Christus? Wie der Leib als eben durch den Menschen Christus? Es war ja auch in Christus eine menschliche Seele, die ganze Seele; nicht bloß die unvernünftige (animalische) Seele, sondern auch die vernünftige, welche Geist heißt. Es gab nämlich gewisse Häretiker3, und sie wurden von der Kirche ausgeschlossen, welche meinten, der Leib Christi habe keine vernünftige Seele, sondern gewissermaßen eine Tierseele; wo nämlich die vernünftige Seele fehlt, findet sich das tierische Leben. Aber weil sie ausgeschlossen wurden, und mit Recht ausgeschlossen wurden, so nimm den ganzen Christus hin: das Wort, die vernünftige Seele und das Fleisch. Dies alles ist Christus. Es stehe deine Seele von der Sündhaftigkeit auf durch dies, was er als Gott ist; es stehe dein Leib von der Hinfälligkeit auf durch das, was er als Mensch ist. So vernehmet also, Teuerste, den in dieser Lektion, wie mir scheint, enthaltenen tiefen Sinn und sehet, wie Christus hier nichts anderes zum Ausdruck bringt, als warum Christus gekommen ist, nämlich damit die Seelen auferstehen von der Sündhaftigkeit und die Leiber auferstehen von der Verweslichkeit. Schon habe ich gesagt, wodurch die Seelen auferstehen ― durch die [S. 396] Substanz Gottes; wodurch die Leiber auferstehen ― durch die menschliche Heilstätigkeit unseres Herrn Jesus Christus.

1: Joh. 1, 14.
2: Phil. 2, 6. 7.
3: Die Apollinaristen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger