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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
23. Vortrag.

5.

Die heutige Lesung, meine Brüder, ist leicht. Denn wegen dessen, was ich gestern schuldig blieb (denn ich weiß, was ich aufgeschoben, nicht aufgehoben habe, und mit der Gnade des Herrn darf ich auch heute zu euch reden), steht euch in Erinnerung, was ihr fordern sollet, wenn wir uns etwa unter Wahrung der Ehrfurcht und heilsamen Demut einigermaßen ausstrecken, nicht gegen Gott, sondern zu Gott hin, und unsere Seele zu ihm erheben, sie ausgießend über uns, wie jener im Psalme, dem man zurief: „Wo ist dein Gott? Dies sagt er, überlegte ich mir und goß meine Seele über mich aus“1. Erheben wir also die Seele zu Gott, nicht gegen Gott, weil auch dies gesagt ist: „Zu Dir, o Gott, habe ich meine Seele erhoben“2. Erheben wir sie mit seiner Hilfe, denn sie ist schwer. Warum aber ist sie schwer? [S. 393] Weil „der vergängliche Leib die Seele beschwert und die irdische Wohnung den Geist niederhält, den vielsinnigen“3. Ob wir also nicht etwa unsern Geist von der Vielheit der Dinge zu dem Einen sammeln und ihn, losgerissen von der Vielheit der Dinge, zu dem Einen emporrichten können (was wir allerdings nicht vermögen, wie ich sagte, wenn der nicht hilft, der unsere Seelen zu sich erhoben wissen will) und so bis zu einem gewissen Grade fassen, wie das Wort Gottes, der Eingeborene des Vaters, der dem Vater gleichewige und gleichwesentliche, nichts tue, als was er den Vater tun sieht, da doch der Vater alles nur durch den zusehenden Sohn tut. Mir scheint, daß der Herr Jesus, indem er an dieser Stelle den Aufmerksamen etwas Großes zeigen, den Fähigen etwas eingießen, die Unfähigen zum Suchen anleiten wollte, damit die noch nicht Verstehenden durch ein gutes Leben fähig werden, uns zu erkennen gab, die menschliche Seele und der vernünftige Geist, der dem Menschen, aber nicht dem Tiere innewohnt, werde nur von der Wesenheit Gottes selbst belebt, beseligt, erleuchtet, und diese Seele wirke durch den Leib und in Gemäßheit des Leibes und herrsche über den Leib, und durch die materiellen Dinge könnten die Sinne des Leibes ergötzt oder unangenehm berührt werden und deshalb, d. h. wegen der Gemeinschaft der Seele und des Leibes in diesem Leben und in dieser Verfassung fühle sich die Seele wohl und betrübe sich, je nachdem die Sinne des Körpers Lust oder Schmerz empfinden, ihre Glückseligkeit aber, wodurch die Seele glücklich wird, sei nur möglich durch Teilnahme an jenem Leben der immer lebenden, unveränderlichen und ewigen Substanz, welche Gott ist, so daß, wie die Seele, die unter Gott steht, dem, was unter ihr ist, nämlich dem Leib, das Leben gibt, so auch derselben Seele das glückselige Leben nur das verleiht, was über ihr ist. Denn höher als der Leib ist die Seele und höher als die Seele ist Gott. Sie verleiht etwas demjenigen, was niedriger ist, ihr wird etwas verliehen von demjenigen, der höher ist. Sie soll ihrem Herrn dienen, damit sie nicht von ihrem Diener niedergetreten wird. [S. 394] Darin, meine Brüder, besteht die christliche Religion, die auf der ganzen Welt verkündet wird zum Schrecken der Feinde, die, wo sie unterliegen, murren, und wo sie obenan sind, wüten. Darin besteht die christliche Religion, daß ein Gott verehrt wird, nicht mehrere Götter, denn nur der eine Gott macht die Seele glückselig. Durch Teilnahme an Gott wird sie selig. Nicht durch Teilnahme an einer heiligen Seele wird die schwache Seele selig und auch nicht durch Teilnahme an einem Engel wird die heilige Seele selig, sondern wenn die schwache Seele selig sein will, so strebe sie dahin, wodurch die heilige Seele selig wird. Denn du wirst nicht selig durch einen Engel, sondern wodurch der Engel selig ist, dadurch wirst auch du selig.

1: Ps. 41, 4. 5 [hebr. Ps. 42, 4. 5].
2: Ps. 24, 1 [hebr. Ps. 25, 1].
3: Weish. 9, 15.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger