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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
23. Vortrag.

11.

Siehe, in deinem Geiste sehe ich zwei Dinge, dein Gedächtnis und dein Denken, d. h. eine gewisse Sehkraft und ein gewisses Schauen deines Geistes. Du siehst etwas, du nimmst es wahr mit den Augen und übergibst es dem Gedächtnis; da drinnen ist, was du dem Gedächtnis übergeben hast, im Verborgenen hinterlegt wie in einer Scheune, wie in einer Schatzkammer, wie in einem abgelegenen Raume und innersten Heiligtum. Du bist mit deinen Gedanken anderswo, dein Trachten geht anderswohin; dies, was du gesehen hast, ist in deinem Gedächtnisse und wird von dir nicht [S. 402] gesehen, weil dein Denken auf etwas anderes gerichtet ist. Nun will ich es erweisen, ich rede zu Wissenden: ich nenne Karthago, ihr alle, die ihr es kennt, habt jetzt innerlich Karthago gesehen. Gibt es etwa so viele Karthago, als eure Seele sind? Ihr alle habt es bei diesem Namen gesehen; durch diese drei euch bekannten Silben, die aus meinem Munde hervorgingen, wurden eure Ohren berührt, der geistige Sinn hinwieder wurde durch den Körper berührt, und von einer andern Beschäftigung wurde der Geist abgelenkt zu dem, was drinnen war, und er sah Karthago. Ist etwa in diesem Augenblicke Karthago darin entstanden? Es war schon darin, aber verborgen. Warum war es darin verborgen? Weil dein Geist auf etwas anderes gerichtet war; als aber dein Denken zu dem hingelenkt wurde, was in deinem Gedächtnis war, wurde es dadurch affiziert, und es entstand eine gewisse geistige Anschauung. Vorher war keine Anschauung da, sondern bloß das Gedächtnis; als das Denken sich dem Gedächtnis zuwandte, entstand die Anschauung. Es zeigte also dein Gedächtnis deinem Denken Karthago, und was in ihm war, bevor du es beachtetest, das zeigte es dem darauf gerichteten Denken. Siehe, es ging vom Gedächtnis ein Zeigen aus, es entstand im Denken eine Anschauung, und es eilten dazwischen keine Worte hin und her, es wurde vom Körper aus kein Zeichen gegeben; du hast weder gewinkt, noch geschrieben, noch einen Laut von dir gegeben, und doch sah das Denken, was das Gedächtnis zeigte. Aber derselben Substanz gehört an sowohl das, was zeigte, wie das, dem es gezeigt wurde. Allein damit dein Gedächtnis Karthago in sich hätte, wurde ein Bild davon durch die Augen aufgenommen, denn du hast das gesehen, was du im Gedächtnis aufbewahrtest. So hast du den Baum gesehen, an den du dich erinnerst, so den Berg, so den Fluß, so das Angesicht des Freundes, so das des Feindes, des Vaters, der Mutter, des Bruders, der Schwester, des Sohnes, des Nachbarn, so das Aussehen der im Buche geschriebenen Buchstaben, so das des Buches selbst, so das dieser Kirche: all dies hast du gesehen und, nachdem du es gesehen, da es ja schon war, deinem Gedächtnis eingeprägt; du hast es darin gleichsam [S. 403] niedergelegt, um es im Denken zu sehen, wann du wolltest, auch wenn es von diesen körperlichen Augen abwesend wäre. Denn du hast Karthago gesehen, als du in Karthago warst, deine Seele nahm durch die Augen ein Bild auf, dies Bild wurde in deinem Gedächtnis aufbewahrt, und du hast als ein Mensch, der sich in Karthago aufhielt, etwas drinnen hinterlegt, um es bei dir sehen zu können, auch wenn du nicht dort bist. Dies alles hast du von außen her empfangen. Der Vater empfängt das, was er dem Sohne zeigt, nicht von außen her, alles vollzieht sich innerlich, weil es außerhalb überhaupt kein Geschöpf geben würde, wenn es der Vater nicht durch den Sohn gemacht hätte. Jedes Geschöpf ist von Gott gemacht; bevor es gemacht wurde, war es nicht. Also nicht als ein bereits gemachtes Geschöpf wurde es gesehen und dem Gedächtnis eingeprägt, damit es der Vater dem Sohne wie das Gedächtnis dem Denken zeigte, sondern als ein erst zu machendes Geschöpf hat es der Vater gezeigt, als ein erst zu machendes hat es der Sohn gesehen, und durch Zeigen hat es der Vater gemacht, weil er es durch den zusehenden Sohn gemacht hat. Und darum darf es uns nicht beunruhigen, wenn es heißt: „als was er den Vater machen sieht“; es heißt nicht „zeigen“. Denn dadurch wird angedeutet, beim Vater sei machen soviel wie zeigen, damit hieraus ersehen werde, daß er alles durch den zusehenden Sohn macht. Weder jenes Zeigen noch jenes Sehen ist zeitlich. Denn da durch den Sohn alle Zeiten sind, so könnte ihm das, was zu machen ist, nicht zu irgendeiner Zeit gezeigt werden. In der Weise aber erzeugt das Zeigen des Vaters das Sehen des Sohnes, wie der Vater den Sohn zeugt. Das Zeigen erzeugt nämlich das Sehen, nicht das Sehen das Zeigen. Wenn wir nun reiner und vollkommener zu schauen vermöchten, so würden wir vielleicht finden, daß weder der Vater etwas anderes sei als sein Zeigen, noch der Sohn etwas anderes als sein Sehen. Allein wenn wir das kaum erfaßten, kaum erklären konnten, wie das Gedächtnis das, was es von außen her empfing, dem Denken zeigt, um wieviel weniger werden wir zu begreifen und zu erklären imstande sein, wie der Vater dem Sohne zeigt, was er nicht von anderswoher hat, oder [S. 404] was nichts anderes ist als er selbst? Wir sind Kinder; ich rede zu euch, was Gott nicht ist, ich zeige nicht, was er ist. Was werden wir nun tun, um zu erfassen, was er ist? Werdet ihr es etwa von mir, werdet ihr es etwa durch mich können? Ich will dies den Kindern sagen, sowohl euch wie mir: Es ist einer, durch den wir es können. Soeben haben wir gesungen, soeben haben wir gehört: „Wirf auf den Herrn deine Sorge, und er wird dich ernähren“1. Deshalb nämlich kannst du es nicht, o Mensch, weil du ein Kind bist; wenn du ein Kind bist, mußt du ernährt werden; einmal genährt, wirst du erwachsen sein, und was du als Kind nicht konntest, wirst du als Erwachsener einsehen. Aber um ernährt zu werden: „Wirf auf den Herrn deine Sorge, und er wird dich ernähren“.

1: Ps. 54, 23 [hebr. Ps. 55, 23].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger