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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
22. Vortrag.

9.

Und wie hat er es? Wie es der Vater hat. Höre, wie er selbst sagt: "Denn wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohne gegeben, das Leben in sich selbst zu haben". Brüder, wie ich's vermag, will ich reden. Denn das sind jene Worte, welche einen kleinen Verstand in Verwirrung bringen. Warum fügte er bei: "in sich selbst"? Es würde genügen, zu sagen: " Denn wie der Vater das Leben hat, so hat er auch dem Sohne gegeben, das Leben zu haben". Er fügte bei: "in sich selbst"; denn der Vater hat das Leben in sich selbst, auch der Sohn hat das Leben in sich selbst. Er wollte, daß wir etwas [Besonderes] verstehen darin, daß er sagt: "in sich selbst". Und da ist wirklich ein Geheimnis in diesem Worte eingeschlossen; klopfen wir, daß uns aufgetan werde. O Herr, was ist das, was Du sagtest? Warum hast du beigefügt: "in sich selbst"? Hatte denn der Apostel Paulus, den Du zum Leben gebracht hast, nicht das Leben? Er hatte es, sagt er. Wie oft werden tote Menschen ermahnt, daß sie wieder zum Leben kommen und auf dein Wort hin glaubend hinübergehen wenn sie nun hinübergegangen sind, werden sie in dir das Leben haben? Sie werden es haben; denn ich habe vorher gesagt: "Wer meine Worte hört, und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben". Also jene, die an Dich glauben, haben das Leben; und Du hast nicht gesagt: in sich selbst. Als Du aber vom Vater redetest, sagtest Du: "Wie der Vater das Leben in sich selbst hat"; wiederum, da Du von Dir redetest, sagtest Du: "So hat er auch dem Sohne gegeben, das Leben in sich selbst zu haben". Wie er es hat, so gab er es auch zum Besitze. Wo hat er es? "In sich selbst." Wo sollte es der haben, dem er es gab? "In sich selbst." Wo hat es Paulus? Nicht in sich selbst, sondern in Christus. Wo hast du es, o Gläubiger? Nicht in dir selbst, sondern in Christus. Sehen wir zu, ob dies der Apostel sagt: "Ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern es lebt in mir Christus"1 . Unser Leben, als das unsrige, d.h. nach unserm eigenen Willen, wird nur bös, sündhaft, ungerecht sein; das gute Leben aber, das von Gott kommt, ist in uns, nicht von uns; von Gott wird es uns gegeben, nicht von uns. Christus jedoch hat das Leben in sich selbst wie der Vater, weil er das Wort Gottes ist. Er lebt nicht bald schlecht, bald gut; der Mensch aber lebt bald schlecht, bald gut. Wer schlecht lebte, war in seinem Leben; wer gut lebt, ist zum Leben Christi übergegangen. Da du des Lebens teilhaftig geworden bist, so warst du nicht, was du empfangen hast, du warst vielmehr einer, der es erst empfangen sollte; der Sohn Gottes aber ist nicht zuerst gleichsam ohne Leben gewesen und hat dann das Leben empfangen. Würde er es nämlich so empfangen, so hätte er es nicht in sich selbst. Denn was heißt: "in sich selbst"? Daß er das Leben selbst ist.

1: Gal 2,20

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger