Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium) 14. Vortrag.
9. Denn der, den Gott gesandt hat, redet Worte Gottes." Dieser ist der wahrhafte Gott, und ihn hat Gott gesandt; Gott hat Gott gesandt. Verbinde beide, es ist ein Gott, der wahrhaft Gott ist, gesandt von Gott. Frage nach jedem einzelnen, es ist Gott; frage nach beiden zugleich, es ist Gott. Nicht jeder ist Gott und beide sodann Götter, sondern jeder einzelne ist Gott und beide zusammen Gott. Denn so groß ist da die Liebe des Heiligen Geistes, so groß der Friede der Einheit, daß, wenn nach dem einzelnen gefragt wird, dir geantwortet wird: Gott; wenn nach der Trinität gefragt wird, dir geantwortet wird: Gott. Denn wenn der Geist des Menschen, so er Gott anhängt ein Geist mit ihm ist, indem der Apostel klar sagt: "Wer dem Herrn anhängt, ist ein Geist mit ihm"1 , um wieviel mehr ist der dem Vater anhangende, ihm gleiche Sohn zugleich mit jenem ein Gott? Vernehmet ein anderes Zeugnis. Ihr wißt, wie viele damals glaubten, da sie alles, was sie hatten, verkauften und zu den Füßen der Apostel niederlegten, damit einem jeden nach Bedürfnis mitgeteilt würde, und was sagt die Schrift von dieser Versammlung der Heiligen: "Sie waren ein Herz und eine Seele im Herrn"2 . Wenn die Liebe aus so vielen Seelen eine Seele machte und aus so vielen Herzen e in Herz machte, wie groß ist die Liebe zwischen dem Vater und dem Sohne? Größer fürwahr kann sie sein als zwischen jenen Menschen, die ein Herz waren. Wenn nun viele Brüder ein Herz waren wegen der Liebe, und viele Brüder eine Seele waren wegen der Liebe, wirst du dann sagen; daß Gott der Vater und Gott der Sohn zwei sind? Wenn sie zwei Götter sind, so ist dort nicht die höchste Liebe. Denn wenn hier eine so große Liebe ist, daß sie deine Seele und die Seele deines Freundes zu einer Sele macht, wie sollte dann nicht dort der Vater und der Sohn ein Gott sein? Ferne sei es, daß der unverfälschte Glaube dies denke. Kurz, welche Bedeutung der Liebe zukommt, das entnehmet daraus: Viele Menschen haben viele Seelen, und wenn sie sich lieben, ist es eine Seele, aber man kann sie auch viele Seelen nennen, man kann das bei Menschen, weil die Einheit zwischen ihnen nicht so groß ist. Dort aber kannst du zwar ein Gott sagen, zwei oder drei Götter kannst du nicht sagen. Hieraus ergibt sich dir die Erhabenheit und Gediegenheit der Liebe als eine so große, daß sie nicht mehr größter sein kann.
1: 1 Kor 6,17 2: Apg 4,32
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