Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium) 13. Vortrag.
12. Kehren wir zurück. sehen wir, was jener sagt: "Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam"; nicht mir gehört die Braut. Und du freust dich nicht bei der Hochzeit? Im Gegenteil, ich freue mich, sagt er: "Der Freund des Bräutigams aber, der dasteht und ihn hört, freut sich hoch wegen der Stimme des Bräutigams". Ich freue mich nicht, sagt er, wegen meiner Stimme, sondern wegen der Stimme des Bräutigams freue ich mich. Ich bin da zum Hören, jener zum Reden; denn ich muß erleuchtet werden, jener ist das Licht; ich bin Ohr, jener das Wort. Also der Freund des Bräutigams steht da und hört ihn. Warum steht er da? Weil er nicht fällt. Warum fällt er nicht? Weil er demütig ist. Siehe, wie er auf festem Boden steht: "Ich bin nicht würdig, ihm die Schuhriemen aufzulösen"1 . Sehr gut, daß du dich demütigst, mit Recht fällst du nicht, mit Recht stehst du, mit Recht hörst du ihn und freust dich hoch wegen der Stimme des Bräutigams. So ist auch der Apostel ein Freund des Bräutigams, auch er eifert, aber nicht für sich, sondern für den Bräutigam. Höre die Stimme des Eifernden: "Ich eifere mit dem Eifer Gottes", sagt er; nicht mit meinem Eifer, nicht für mich, sondern mit dem Eifer Gottes. Warum? Wie? Um welche eiferst du oder für wen eiferst du? "Denn ich habe euch verlobt einem Manne, euch als reine Jungfrau Christo darzustellen." Was fürchtest du also? Warum eiferst du? "Ich fürchte, sagt er, daß wie die Schlange die Eva verführte durch ihre Schlauheit, so auch euer Sinn verderbt und abwendig werde von der Keuschheit, die in Christus ist"2 . Die ganze Kirche wird eine Jungfrau genannt. Verschieden sind, wie ihr seht, die Glieder der Kirche, sie sind reich an verschiedenen Gaben und freuen sich darüber: die einen sind Ehemänner, die andern Ehefrauen, die einen sind Witwer und suchen keine Frauen mehr, die andern sind Witwen und suchen keine Männer mehr, die einen bewahren die Keuschheit von Jugend an, die andern haben ihre Jungfräulichkeit Gott geweiht; verschieden sind die Stände, aber alle jene sind eine Jungfrau. Wo ist diese Jungfräulichkeit? Denn eine körperliche ist sie nicht. Bei wenigen weiblichen Personen, und wenn man bei Männern von Jungfräulichkeit reden kann, bei wenigen männlichen Personen findet sich die heilige Unversehrtheit auch des Körpers in der Kirche, und es sind dies um so ehrenvollere Glieder; andere Glieder aber bewahren nicht im Körper, jedoch alle im Geiste die Jungfräulichkeit. Was ist die Jungfräulichkeit des Geistes? Unversehrter Glaube, feste Hoffnung, aufrichtige Liebe. Von dieser Jungfräulichkeit fürchtete jener, der für den Bräutigam eiferte, sie möchte von der Schlange verderbt werden. Wie nämlich ein Glied des Körpers in irgend einer Stelle verletzt wird, so verletzt die Verführung der Zunge die Jungfräulichkeit des Herzens. Es soll im Geiste nicht verderbt werden, die nicht ohne Grund die Jungfräulichkeit des Körpers bewahren will.
1: Joh 1,27 2: 2 Kor 11,2 f.
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