Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium) 12. Vortrag.
14. Laufet, damit nicht die Finsternis euch ergreife1 , meine Brüder; bleibet wach zu eurem Heile, bleibet wach, solange es Zeit ist; keiner lasse sich zurückhalten vom Tempel Gottes, keiner lasse sich zurückhalten vom Werke des Herrn, keiner lasse sich ablenken vom beständigen Gebete, keiner lasse sich um die gewöhnliche Andacht bringen. Bleibet also wach, solange es Tag ist; es leuchtet der Tag, Christus ist der Tag. Er ist bereit zu verzeihen, aber nur denen, die in sich gehen; dagegen zu strafen diejenigen, die sich zur Wehr setzen und sich als gerecht rühmen und meinen, sie seien etwas, da sie doch nichts sind. Wer aber in seiner Liebe und Barmherzigkeit wandelt, der tut, wenn auch befreit von tödlichen und großen Sünden wie Verbrechen, Totschläge, Diebstähle, Ehebrüche, dennoch wegen der als klein geltenden Sünden der Zunge oder der Gedanken oder der Unmäßigkeit in erlaubten Dingen die Wahrheit des Bekenntnisses und kommt zum Lichte in guten Werken; denn auch viele kleine Sünden töten, wenn sie vernachlässigt werden. Klein sind die Tropfen, welche die Flüsse voll machen; klein sind die Sandkörner, aber wenn viel Sand einem aufgelegt wird, drückt er und wirft nieder. Das Bodenwasser, das vernachlässigt wird, tut dasselbe, was eine hereinstsürzende Woge tut; das Bodenwasser dringt allmählich ein, aber wenn es lange eindringt und nicht ausgeschöpft wird, bringt es das Schiff zum Sinken. Was heißt aber ausschöpfen, als durch gute Werke, durch Seufzen, Fasten, Almosengeben, Verzeihen, bewirken, daß nicht die Sünden das Übergwicht bekommen? Der Weg in diesem Erdenleben aber ist beschwerlich, voll von Versuchungen; im Glücke erhebe dich nicht, im Unglück sei nicht verzagt. Der dir in diesem Erdenleben Glück verliehen hat, hat es dir zum Troste verliehen, nicht zur Verderbnis. Hinwieder der dich geißelt in diesem Erdenleben, tut es zur Besserung, nicht zur Verdammung. Ertrage den zurechtweisenden Vater, damit du nicht den strafenden Richter fühlen mußt. Dies sagen wir euch täglich, und es muß oft gesagt werden, weil es gut und heilsam ist.
1: Joh 12,35
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