Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium) 4. Vortrag.
16. Brüder, wenn diese Frage heute noch gelöst werden soll, so wird es euch ohne Zweifel beschweren, weil schon viel gesagt wurde. Ihr möget aber wissen: diese Frage ist von der Art, daß sie allein schon der Partei des Donatus den Todesstoß gibt. Ich sage dies deshalb eurer Liebe, um euch gespannt zu machen, wie ich es zu tun pflege; zugleich auch, damit ihr für uns und für euch betet, auf daß sowohl uns der Herr verleihe, Würdiges zu reden, als auch ihr Würdiges zu fassen verdienet. Indessen lasset mich heute die Sache verschieben; aber dies will ich vorerst kurz bemerken, bis die Lösung selbst erfolgt: Fraget friedlich, ohne Streit, ohne Hader, ohnbe Zänkereien, ohne Feindschaft; forschet bei euch selbst und fraget andere, saget: Diese Frage hat uns heute unser Bischof vorgelegt, um sie ein anderes Mal mit der Gnade Gottes zu lösen. Doch mag sie gelöst werden oder nicht, glaubet nur, daß ich etwas vorgelegt habe, was mich bewegt; denn ich bin wirklich sehr bewegt. Johannes sagt: "Ich muß von dir getauft werden", gleich als kenne er Christus bereits. Denn wenn er den nicht kannte, von dem er getauft werden wollte, dann sagte er ohne Grund :"Ich muß von dir getauft werden". Er kannte ihn also. Wenn er ihn kannte, was ist es dann, daß er sagt: "Ich kannte ihn nicht; aber der mich sandte, im Wasser zu taufen, der sprach zu mir: Über welchen du den Geist herabsteigen siehst und auf ihm bleiben wie eine Taube, der ist es, welcher tauft im Heiligen Geiste". Was sollen wir sagen? Daß wir nicht wissen, wann die Taube gekommen sei? Damit sie sich nicht dahinter verstecken1 sind die anderen Evangelisten zu lesen, die das deutlicher dargelegt haben; und wir finden ganz klar, daß die Taube erst dann herabstieg, als der Herr aus dem Wasser emporstieg. Denn über dem Getauften öffneten sich die Himmel und über dem Getauften sah er den Geist herabsteigen2 . Wenn er ihn erst nach der Taufe erkannt hat, wie kann er dann zu ihm, als er zur Taufe kam, sagen: "Ich muß von dir getauft werden"? Diese Frage überdenkt indes bei euch, diese erwäget bei euch, diese untersuchet bei euch. Gebe der Herr, unser Gott, daß er sie, bevor ihr die Lösung von mir vernehmet, einem von euch vorher offenbare. Doch, Brüder, das sollt ihr wissen, daß bei der Lösung dieser Frage der Partei des Donatus betreffs der Taufgnade, wo sie den Unerfahrenen Nebel vormachen und den fliegenden Vögeln Netze spannen, wenn sie noch ein Schamgefühl haben, das Reden vergehen wird; der Mund soll ihnen ganz verstopft werden.
1: die Donatisten 2: Mt 3,16 u.Par.
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