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Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)
3. Vortrag.

21.

[S. 49] Meine Brüder, warum rufet ihr, warum frohlocket ihr1, warum liebet ihr, als weil dort der Lichtquell dieser Liebe ist? Was ersehnt ihr, frag’ ich euch? Kann es mit Augen gesehen werden, kann es berührt werden? Ist es eine Schönheit, welche die Augen ergötzt? Sind nicht die Märtyrer in hohem Grade geliebt worden, und wenn wir ihrer gedenken, brennen wir nicht vor Liebe? Was lieben wir an ihnen, Brüder? Die von den vielen Tieren zerfleischten Glieder? Was ist häßlicher, wenn du die Augen des Fleisches fragst? was schöner, wenn du die Augen des Herzens fragst? Was hältst du von einem sehr schönen Jüngling, der ein Dieb ist? Wie entsetzen sich deine Augen? Entsetzen sich etwa die Augen des Fleisches? Wenn du sie fragst, nichts ist schöner gebaut, nichts regelmäßiger als jener Leib; das Ebenmaß der Glieder und der Schmelz der Farbe reizt die Augen; und doch, wenn du hörst, daß er ein Dieb ist, bebst du im Geiste vor dem Menschen zurück. Du siehst anderseits einen gebückten Greis, der sich auf einen Stock stützt, sich kaum bewegen kann, von Runzeln überall durchfurcht ist; was siehst du da, was das Auge erfreuen könnte? Du hörst aber, daß er gerecht ist; die liebst ihn, du schätzest ihn hoch. Solche Belohnungen sind uns verheißen, meine Brüder; so etwas liebet, nach einem solchen Reiche verlanget, nach einem solchen Vaterlande sehnet euch, wenn ihr zu dem gelangen wollt, womit unser Herr kam, d. i. zu Gnade und Wahrheit. Wenn du aber körperliche Belohnungen von Gott begehrst, dann bist du noch unter dem Gesetze und darum wirst du eben dieses Gesetz nicht erfüllen. Denn wenn du siehst, daß diese zeitlichen Güter in Überfluß vorhanden sind bei jenen, die Gott beleidigen, dann werden deine Schritte unsicher und du sagst dir: Siehe, ich verehre Gott, täglich gehe ich in die Kirche, die Knie sind mir abgerieben vom Beten, und ich bin immer krank; andere morden, rauben, und sie frohlocken und leben im Überfluß, es geht ihnen gut. Solche Dinge also begehrtest du von Gott? Du gehörtest doch [S. 50] sicherlich zur Gnade. Wenn Gott dir die Gnade deshalb gab, weil er sie umsonst gab, so liebe ihn auch umsonst. Liebe Gott nicht um Lohn, er selbst sei dein Lohn. Es spreche deine Seele: „Eines habe ich vom Herrn begehrt, dies will ich suchen, daß ich wohne im Hause des Herrn alle Tage meines Lebens, zu betrachten die Wonne des Herrn“. Fürchte nicht, daß du Überdruß daran bekommst; die Wonne an jener Schönheit wird von solcher Art sein, daß sie dir immer gegenwärtig ist und du nie satt wirst, oder vielmehr, daß du immer satt bist und niemals satt wirst. Denn sage ich, daß du nicht statt wirst, dann wird Hunger eintreten; sage ich aber, daß du satt wirst, dann muß ich Überdruß befürchten. Wo nun aber weder Überfluß noch Hunger sein wird, wie soll ich das nennen? Ich weiß es nicht; aber Gott hat, was er denjenigen verleiht, die nicht wissen, wie sie es nennen sollen, und glauben, daß sie es erlangen.

1: Es scheint, daß das Vorausgehende die Zuhörer zu Beifallsbezeigungen hingerissen hatte.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger