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Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)
Buch X.

33.

Dieser Gott, einzig und über alles, hat den Logos zuerst durch gedankliche Operation gezeugt, nicht einen Logos wie einen Laut, sondern als innerliche Überlegung über das All. Diesen allein hat er aus Seiendem erzeugt; das Seiende nämlich war der Vater selbst, aus dem das Erzeugte (stammt). Der Grund für das, was geschaffen wurde, war der Logos, der in sich selbst den Willen des Erzeugers trug und den Gedanken des Vaters wohl kannte. Im Moment des Hervorgehens aus dem Erzeuger, als ersterzeugter Laut, hat (der Logos) in sich selbst die im Gedanken des Vaters ruhenden Ideen; auf den Befehl des Vaters, daß die Welt entstehen sollte, führt sie der Logos im einzelnen zum Wohlgefallen Gottes aus. Und, was durch Geburt sich vermehrt, machte er zu Männchen und Weibchen; was aber zur Hilfe und zum Dienst bestimmt ist, entweder zu Männchen, die der Weibchen nicht bedürfen, oder zu geschlechtslosen Wesen. Die ersten Substanzen der Dinge, die aus Nichtseiendem entstanden sind, Feuer und [S. 287] Pneuma, Wasser und Erde, sind weder männlich noch weiblich, noch können aus einer dieser (Substanzen) Männchen oder Weibchen hervorgehen, es sei denn Gott befehle die Mitwirkung des Logos. Ich bin der Ansicht, daß die Engel aus dem Feuer stammen und daß es bei ihnen keine weiblichen Wesen gibt. Weiter habe ich die Meinung, daß Sonne, Mond und Sterne gleicherweise aus Feuer und Pneuma stammen und weder männlich noch weiblich sind; die schwimmenden und geflügelten Tiere, Männchen und Weibchen, aber stammen aus dem Wasser. So hat es Gott angeordnet1, nach dessen Ratschluß die Substanz des Wassers fruchtbar sein soll. In gleicher Weise stammen die Kriechtiere und die wilden Tiere und alle sonstigen Tierarten, Männchen und Weibchen, aus der Erde; dies lag nämlich in der Natur der geschaffenen Dinge. Was immer er wollte, das hat Gott gemacht. Er machte es durch den Logos, und es konnte nicht anders werden, als es wurde. Nach der Schöpfung gab er den Dingen Namen. Hernach schuf er aus allen Substanzen den Herrn aller Dinge; er wollte nicht einen Gott oder einen Engel schaffen und griff fehl — ich will nicht irre führen —, sondern eben einen Menschen. Wenn er nämlich dich zum Gott machen wollte, konnte er es; du hast das Beispiel vom Logos; da er einen Menschen machen wollte, machte er dich zum Menschen; wenn du aber auch Gott werden willst, so gehorche dem, der dich geschaffen, und widersetze dich ihm hienieden nicht, damit dir, in Kleinem treu erfunden, auch das Große anvertraut werden könne2. Sein Logos allein ist aus ihm selbst; aus diesem Grunde auch Gott, da er Gottes Wesenheit ist; die Welt aber ist aus nichts, deswegen nicht Gott; sie unterliegt auch der Auflösung, wann es der Schöpfer will. Gott hat beim Schaffen das Böse nicht gemacht noch macht er es; das Ehrbare und das Gute macht er, der Schaffende, der selbst gut ist. Der Mensch war ein Wesen mit freier Selbstbestimmung; er hatte nicht einen beherrschenden Verstand und beherrschte nicht alles durch Klugheit, [S. 288] Kraft und Macht, sondern er hat einen untergeordneten Verstand und alles gegen sich. Da er aber freie Selbstbestimmung hat, erzeugt er nachderhand das Böse, das eine Zufälligkeit ist, da es ein Nichts ist, wenn es eben nicht vollbracht wird; wenn man nämlich etwas Böses will und meint, so wird dies das Böse genannt, es ist nicht von Anbeginn da, sondern es entsteht nachträglich. Da er freie Selbstbestimmung hat, so ist ihm von Gott mit gutem Grund ein Gesetz gegeben worden; wenn nämlich der Mensch das Wollen und Nichtwollen nicht in seiner Gewalt hätte, wozu wäre ein Gesetz gegeben worden? Das Gesetz wird doch dem unvernünftigen Tiere nicht gegeben, sondern Zaum und Peitsche, dem Menschen aber Gebot und Strafe für die Tat und die Unterlassung. Ihm war das Gesetz vor alters durch gerechte Männer gegeben, näher an unserer Zeit wurde durch Moses, den frommen und gottgeliebten Mann, ein bedeutungsvolles, gerechtes Gesetz gegeben. Das All aber leitet der Logos Gottes, der erstgeborene Sohn des Vaters, die vor dem Morgenstern3 aufleuchtende Stimme. Es sind dann gerechte Männer, Freunde Gottes, aufgestanden; sie sind Propheten genannt worden, weil sie die Zukunft ankündigten. Sie sprachen nicht nur zu einer bestimmten Zeit, sondern durch alle Geschlechter waren ihre Stimmen laut vernehmlich: nicht nur dann, wann sie den Zeitgenossen Aufschluß gaben, sondern für alle Geschlechter kündigten sie die Zukunft an; indem sie das Vergangene berichteten, riefen sie es der Menschheit ins Gedächtnis; indem sie auf die Gegenwart wiesen, arbeiteten sie gegen den Leichtsinn; indem sie die Zukunft vorherverkündigten und jeder einzelne von uns das lang Vorherverkündigte sah, flößten sie uns Furcht ein und wir waren weiter der Zukunft gewärtig. Diesen Glauben haben wir, ihr Menschenkinder alle, wir, die wir nicht leeren Worten glauben noch von plötzlichen Stimmungen des Herzens hingerissen noch von einschmeichelnd schönen Worten berückt werden, sondern die wir auf die mit göttlicher Kraft gesprochenen Worte vertrauen. Dies war Gottes [S. 289] Befehl an den Logos. Der Logos hat sich aber in Worten vernehmen lassen, durch die er die Menschen vom Ungehorsam bekehrte, nicht dadurch, daß er sie mit Zwangsgewalt knechtete, sondern dadurch, daß er sie durch freiwilligen Entschluß zur Freiheit berief. Diesen Logos hat späterhin der Vater gesandt; er wollte nicht mehr durch die Propheten reden noch den Angekündigten nur dunkel ahnen lassen; sondern er sollte sichtbarlich erscheinen und reden, auf daß die Welt bei seinem Anblick heilige Scheu ergreife, wenn er nicht mehr durch die Person der Propheten Vorschriften gebe noch der Seele durch einen Engel Furcht einflöße, sondern wenn er, der gesprochen habe, selbst käme.

Wir haben erkannt, daß er aus einer Jungfrau Fleisch angenommen und den alten Menschen in einem neuen Gebilde getragen, daß er im Leben durch jedes Lebensalter gegangen sei, damit er selbst jedem Lebensalter zum Gesetz würde und allen Menschen sich selbst in seiner Menschheit als Ziel vor Augen halte und durch sich selbst beweise, daß Gott nichts Böses geschaffen habe und daß der Mensch mit freier Selbstbestimmung ausgestattet das Wollen und Nichtwollen in seiner Gewalt habe und zu beidem fähig sei; wir wissen, daß dieser Mensch aus demselben Stoffe wie wir entstanden ist. Wenn er nämlich nicht aus demselben geworden wäre, so gäbe er vergeblich das Gesetz, ihn als Lehrer nachzuahmen. Wenn nämlich jener Mensch eben aus einer anderen Substanz wäre, wie kann er mir, dem von Natur Schwachen, Ähnliches befehlen, wie er es getan, und wieso ist er gut und gerecht? Auf daß er aber uns gleich geachtet würde, so hat er Arbeit auf sich genommen, wollte hungern, hat Durst gelitten, hat im Schlafe geruht, sich Leiden nicht widersetzt, hat dem Tod gehorcht, ist sichtbarlich auferstanden, hat seine eigene Menschheit in diesem allen zum Erstlingsopfer gebracht, auf daß du im Leiden nicht den Mut verlierest, sondern dich als Menschen bekennend auch das erwartest, was ihm der Vater gegeben.

1: Gen. 1, 20—25.
2: Matth. 25, 21. 23; Luk. 19, 17.
3: Vgl. Ps. 109, 3.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger