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Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)
Buch VIII.

10.

[S. 228] Dieser feurige, lichterzeugte Gott hat die Welt gemacht, wie Moses erzählt; während er selbst ohne Wesenheit ist, benützt er die Finsternis als Substanz, indem er immerfort den Äonenmerkmalen, die von oben und unten aufgenommen werden, Schmach antut. Bis zur Erscheinung des Heilands gab es eine große Irrung der Seelen durch den Gott des feurigen Lichtes, den Demiurgen — die Ideen werden nämlich Seelen genannt, weil sie, oben erkaltet1, in der Finsternis bleiben, von Körper in Körper verwandelt, die der Demiurg bewacht. Daß dies sich so verhalte, findet sich auch bei Job: „Und ich irre herum und gehe von Ort zu Ort und von Haus zu Haus“2, und in den Worten des Heilands: „Und wenn ihr ihn aufnehmen wollt, er selbst ist Elias, der da kommen soll. Wer Ohren hat zu hören, höre“3. — Seit des Heilands Zeit hat die Seelenwanderung aufgehört, der Glaube wird verkündet zur Vergebung der Sünden4. So wollte jener eingeborene Sohn die Ideen der Äonen von oben, die er in finstere Körper verwandelt sah, durch seine Herabkunft retten. Da er aber wußte, daß nicht einmal die Äonen es ertragen, die Fülle der Gesamtäonen auf einmal zu sehen, sondern daß sie vor Schreck, zerstörbar, wie sie sind, der Vernichtung anheimfallen würden, durch die Größe und Herrlichkeit der Kraft überwältigt, so schloß er sich, wie ein mächtiger Blitz, in den kleinsten Körper ein, ja noch eher wie das Licht, das im Auge von den Lidern eingeschlossen wird, bis zum Himmel gelangt und sich, nachdem es die Sterne dort berührt5, nach Belieben wiederum hinter den Lidern des Auges einschließt. Wenn das Augenlicht, das überall und alles ist, dies tut, so können wir das nicht wahrnehmen, wir sehen nur die Augenlider, die hellen Winkel, die schlaffe, faltige, aderige Haut6, den hornartigen Mantel, darunter [S. 229] die traubenförmige, netzartige, rundliche Pupille, und noch allenfallsige sonstige Umhüllungen des Augenlichtes, durch die es verborgen bleibt. So, sagt er, war der eingeborene ewige Sohn von oben mit jedem einzelnen Äon des dritten Äons umkleidet und, da er in der Dreißigzahl der Äonen entstanden war, kam er in diese Welt und war, wie wir es dargestellt, verborgen, unbekannt, ohne Ruhm, ohne Gläubige. Er sollte nun auch, sagen die Doketen, mit der äußeren Finsternis — dem Fleische — bekleidet werden; ein Engel, der ihn herabgeleitete, verkündete also Maria die frohe Botschaft7, wie es geschrieben steht. Und so geschah die Erzeugung gemäß der Schrift. Er selbst nahm das Erzeugte an, vom Himmel kommend, und es ging alles so vor sich, wie es in den Evangelien geschrieben steht, er wusch sich im Jordan8, durch diese Waschung nahm er im Wasser das Bild und den Abdruck des aus der Jungfrau geborenen Leibes an, auf daß, wann der Archon sein eigenes Gebilde dem Tod, dem Kreuze überantworte, die Seele, die in dem Körper gewohnt, nach Aufgabe des Leibes, nach Anheftung an das Kreuz und nach dem hiedurch errungenen Triumph über die Herrschaften und Gewalten nicht nackt erfunden werde, sondern sich mit dem Körper bekleide, der, als er getauft wurde, im Wasser zum Ersatze jenes Fleisches gebildet wurde. So sagt der Heiland: „Wenn einer nicht geboren wird aus Wasser und Geist, wird er nicht in das Himmelreich eingehen; weil das aus dem Fleische Geborene Fleisch ist“9. Er hat sich mit dreißig von den dreißig Äonen stammenden Ideen umkleidet. Deswegen war jener Ewige bis zu dreißig Jahren auf der Erde, da jeder Äon durch ein Jahr eigens in Erscheinung trat. Alle Ideen der sämtlichen dreißig Äonen sind aber auch zurückgehaltene Seelen; jede ist so geartet, daß sie den Jesus, der ihrer Natur entspricht, erkennt, mit dem sich jener Eingeborene und Ewige, von den ewigen Orten Stammende umkleidete; da gibt es natürlich eine große [S. 230] Verschiedenheit. Deswegen suchen so viele Häresien Jesus mit großem Eiferund er gehört allen an, jeder von einem anderen Orte aus anders erscheinend; eine jede stürzt sich hin in der Meinung, der sei der einzige, der ihr Verwandter und ihr Mitbürger ist und den sie beim ersten Anblick als leiblichen Bruder erkannte, während sie die anderen für unecht hielt. Wer nun aus den unteren Orten seine Natur hat, der kann die über diesen liegenden Ideen des Heilands nicht sehen; wer aber von oben, von der mittleren Dekade und der besten Achtzahl stammt, von der sie selbst sich herleiten wollen, der kennt Jesus, den Heiland, nicht nur zum Teil, sondern vollständig, und oben sind nur die Vollkommenen, die andern aber kennen ihn nur zum Teil.

1: [psychai] ψυχαί == Seelen, [apopsygeisai] ἀποψυγεῖσαι == erkaltet.
2: Job 2, 9.
3: Matth. 11, 14. 15.
4: Mark. 1, 4.
5: Gö.
6: Miller.
7: Luk. 1, 26 ff.
8: Mark. 1, 9.
9: Joh. 3, 5. 6.

 

 

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Einleitung. Widerlegung aller Häresien

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger