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Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)
Buch V.

9.

Ferner nennen die Phryger den Vater des Alls Amygdalos1; sie meinen damit nicht den Baum, sondern der Proon sei Amygdalos, der in sich die vollkommene, gleichsam heftig wallende und in der Tiefe bewegte Frucht hatte, seinen Busen aufbrechen2 ließ und seinen unsichtbaren, unnennbaren und unaussprechlichen Sohn erzeugte, von dem wir sprechen. Denn άμύξαι [amyxai] bedeutet etwa brechen und durchschneiden; so wie die operierenden Ärzte bei entzündeten und krampfigen Leibern von [amychai] άμυχαί [Rissen] reden, so nennen die Phryger (den Proon) Amygdalos, weil aus ihm der Unsichtbare hervorging und erzeugt ward, durch den das All „ward und ohne den nichts ward“3. Das daraus Entstandene nennen die Phryger Syriktas4, weil das Entstandene ein musikalischer Hauch5 ist. Denn „ein Geist ist Gott. Deshalb werden die wahren Anbeter weder auf diesem Berge noch in Jerusalem anbeten, sondern im Geiste“6. Denn die geistige Anbetung ist Sache der Vollkommenen, nicht die fleischliche. Der Geist aber ist dort, wo auch der Vater ist; er heißt auch der Sohn, der von diesem Vater stammt. Dieser ist der vielnamige, tausendäugige, unfaßbare, nach dem jedes Wesen auf seine Art begehrt. Dies ist das Wort Gottes, das ein Wort der Offenbarung der großen Kraft ist. Deshalb ist es versiegelt, verborgen und verhüllt und liegt in dem Raume, wo die Wurzel des Alls gründet, die Wurzel aller Welten, Kräfte, Gedanken, Götter, Engel, abgesandten Geister, des Seienden, Nichtseienden, des Gewordenen, Ungewordenen, des Unfaßbaren, Faßbaren, der Jahre, Monate, Tage, Stunden, des unteilbaren Punktes, aus dem die allmähliche [S. 108] Vergrößerung des Kleinsten entspringt; der Punkt, der nichts ist und aus nichts besteht, der unteilbar ist, wird durch sich selbst zu einer für seine eigene Erkenntnis unfaßbaren Größe werden. Dieser ist das Himmelreich, das Senfkörnlein7, der unteilbare Punkt, der im Körper ist, den niemand kennt als allein die Geistigen, dies bedeutet das Wort: „Es sind nicht Worte, es sind nicht Reden, deren Laute nicht vernommen werden“8. Das schwätzen sie so ins Leere und legen das, was alle Menschen sagen und tun, in ihrem Sinne aus und behaupten, alles werde geistig. Deshalb erklären sie, daß die, welche sich im Theater sehen lassen, gleichfalls nichts ohne tieferen Sinn tun oder sagen. Wenn also das Volk im Theater zusammenkommt und einer auftritt in einem auffallenden Gewande mit einer Zither und spielt, dann singt er die großen Mysterien, ohne zu wissen, was er sagt, indem er so spricht:

„Ob du des Kronos Sproß bist, oder des seligen Zeus,
oder der großen Rhea, sei gegrüßt,
betrübter Verstümmelter der Rhea, Attis.
Dich nennen die Assyrier den dreifach geliebten Adonis,
nennt Ägypten Osiris,
das himmlische Mondhorn die griechische
Weisheit, die Samothraker ehrwürdiges Adamna,
die Hämonier Korybas und
die Phryger bald Papas, bald
den Toten oder Gott oder den Unfruchtbaren oder
Aipolos, oder die geerntete grüne Ähre,
oder den, den der fruchtreiche Mandelbaum
zeugte, den Pfeifenbläser.“

Ihn nennt man den vielgestaltigen Attis, zu dessen Preis sie singen:

„Attis will ich besingen, den Sohn der Rhea,
ohne Trompetenschall,
ohne den Flötenklang
der Kureten
vom Ida,
[S. 109] vielmehr zum Harfenklang des Phöbos: Euoi,
Euan, gleich wie Pan, gleich wie Bakcheus,
gleich wie der Hirt der lichten Sterne.“

Um solcher Worte willen sitzen sie bei den sogenannten Mysterien der großen Mutter und glauben am ehesten durch das, was dabei getan wird, das ganze Geheimnis zu schauen. Von dem, was dort geschieht, haben sie keinen Gewinn, außer daß sie, ohne verschnitten zu sein, sich wie Verschnittene verhalten. Denn gar ernst und streng schreiben sie vor, sich des Umgangs mit einem Weibe zu enthalten, als ob sie verschnitten wären. Im übrigen handeln sie, wie wir weitläufig klarlegten, wie Verschnittene; sie ehren aber nichts anderes als den Naas und heißen Naassener. Naas aber bedeutet die Schlange, nach der alle Tempel9 unter dem Himmel den Namen haben, (nämlich) von Naas. Auch sei dem Naas allein jedes Heiligtum, jegliche Weihe und jegliches Geheimnis geweiht, und es lasse sich überhaupt keine Weihe unter dem Himmel finden, bei der nicht ein Tempel10 sei und der Naas darin, wovon der Tempel11 den Namen erhielt. Sie sagen, die Schlange sei die feuchte Wesenheit, ebenso wie Thales aus Milet, und ohne ihn (den Naas) könne überhaupt kein Wesen bestehen, weder von den Unsterblichen noch von den Sterblichen, von den Beseelten oder den Seelenlosen. Ihm unterstehe das All, und er sei gut und habe alles in sich wie im Horne des einhörnigen Stieres, so daß er allen seienden Dingen die Schönheit und Anmut nach ihrer Natur und Eigenart gebe, indem er gleichsam durch alle wandle, „wie was aus Eden ausging und sich in vier Ursprünge spaltete“12. Eden aber ist das Hirn, das gleichsam in den umgebenden Hüllen eingebunden und eingezwängt ist, wie in den Himmeln. Das Paradies aber, meinen sie, ist der Mensch bloß in bezug auf den Kopf. „Der Strom also, der aus Eden ausgeht“, d. i. vom Gehirn, „scheide sich in vier Ursprünge; der Name des ersten Flusses aber sei Phison; dieser umgibt das ganze Land Evilat, dort wo das Gold ist; das Gold jenes [S. 110] Landes ist gut. Auch gibt es dort den Rubin und den Smaragd“13. Dies ist das Auge, das durch seinen Wert und seine Färbung diese Behauptung bezeugt. „Der Name des zweiten Flusses ist Gehon; er umgibt das ganze Land Äthiopien“14. Dieser ist das Gehör, das ungefähr wie ein Irrgarten aussieht. „Und der dritte heißt Tigris; dieser fließt Assyrien gegenüber“15. Dieser ist der Geruch; er hat die stärkste Strömung. Er fließt Assyrien gegenüber, weil nach dem Ausatmen der Luft beim Einatmen die von außen aus der Luft eingezogene16 Luftströmung stärker und mächtiger eindringt. Denn darin besteht das Atmen. „Der vierte Fluß ist der Euphrat“17. Diesen nennen sie den Mund, durch den das Gebet ausgeht und die Nahrung eingeht, die den geistigen vollkommenen Menschen erfreut, nährt und kennzeichnet. Dieser ist das Wasser über dem Firmament, von dem der Heiland sagt: „Wenn du wüßtest, wer der Bittende ist, du würdest ihn bitten und er gäbe dir lebendiges, quellendes Wasser zu trinken“18. Zu diesem Wasser geht jedes Wesen und sucht sich sein eigenes Wesen aus. Und aus diesem Wasser drängt zu jedem Wesen seine Eigenart, mehr als das Eisen zum Magneten und das Gold zum Röhrknochen des Seeadlers und die Spreu zum Bernstein. Wenn aber einer von Geburt blind ist und „das wahre Licht“ nicht sieht, „das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt“19, der soll durch uns das Gesicht erhalten und sehen, wie sozusagen aus einem mannigfach bepflanzten und samenreichen Paradies Wasser alle Pflanzen und Samen durchdringt, und er wird erkennen, daß aus einem und demselben Wasser der Ölbaum das Öl und der Weinstock den Wein auswählt und an sich zieht, und so jedes Gewächs nach seiner Art. Es ist aber jener Mensch ungeehrt in der Welt und hochgeehrt [im Himmel]20, denen, die ihn nicht kennen, [verraten]21 durch die, die [S. 111] ihn nicht kennen, beurteilt wie ein Tropfen am Eimer22. Wir aber sind die Geistigen, die wir uns vom lebendigen Wasser des mitten durch Babylon fließenden Euphrat unsere Eigenart auswählen, indem wir durch das wahre Tor eingehen23, das der selige Jesus ist. Und von allen Menschen sind wir die einzigen Christen, die am dritten Tor das Geheimnis vollbringen und dort mit unsagbarem Salböl aus dem Horne gesalbt werden wie David24, nicht aus dem Tongeschirr wie Saul25, der mit dem bösen Dämon der fleischlichen Begierde zusammenlebte.

1: Mandelbaum.
2: ἀμύσσειν [amyssein] == aufbrechen.
3: Joh. 1, 3.
4: Rohrpfeifer.
5: πνεῦμα [pneuma] == Hauch, Geist.
6: Joh. 4, 21; 23, 24.
7: Mark. 4, 31. 32.
8: Ps. 18, 4.
9: ναός [naos] == Tempel.
10: ναός [naos] == Tempel.
11: ναός [naos] == Tempel.
12: Gen. 2, 10.
13: Gen. 2, 10 — 12.
14: Gen. 2, 13.
15: Gen. 2, 14.
16: ἀπὸ τοῦ ἀέρος συρόμενον [apo tou aeros syromenon].
17: Gen. 2, 14.
18: Joh. 4, 10. 14.
19: Joh. 1, 9.
20: Ergänzung durch Miller.
21: Ergänzung durch Miller.
22: Is. 40, 15.
23: Joh. 10, 9.
24: 1 Kön. 16, 13.
25: 1 Kön. 10, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger