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Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)
Buch I.

26.

Auch der Dichter Hesiod redet1 von der Natur und will von den Musen Kunde erhalten haben. Die Musen sind Töchter des Zeus, so sagt er. Zeus verkehrte neun Tage und neun Nächte ununterbrochen in ausschweifender Leidenschaft mit Memnosyne, und diese ward in jeder Nacht schwanger und empfing diese neun in ihrem Schoße. Hesiodos rief also die neun Musen von Pieria, d. i. vom Olymp herbei und bat um Belehrung2:

„Wie Götter und Erde zu Anfang geworden,
Ströme und unermeßliches Meer mit den brausenden Wogen,
Droben die leuchtenden Sterne, der weit sich dehnende Himmel,
Wie sie das Weltall geteilt und allen Ehren gegeben
Und verkündet uns, wie sie zuerst den Olympos gewannen.“
Das meldet mir, sagt er, ihr Musen,

„Gleich vom Beginn, und sagt, was zuerst von allem geworden.
Allererst ist das Chaos entstanden, es folgte nach diesem
Gaia mit breiter Brust, der Unsterblichen ewiger Wohnsitz,
Aller, welche das Haupt des beschneiten Olympos bewohnen,
Und die des Tartaros Dunkel umgibt tief unter der Erde.
Eros ferner, der schönste von allen unsterblichen Göttern,
[S. 41] Welcher die Glieder uns löst und allen, Göttern und Menschen,
Bändigt das Herz in der Brust und verständige Sinne betöret.
Erebos und das nächtliche Dunkel dem Chaos entsprossen:
Aber der Nacht entstammten das Licht und die Helle des Tages;
Gaia gebar nun zuerst den bunt gestirneten Himmel,
Welcher ihr gleich ist, auf daß er sie überall rings, umhülle,
Ihn, der seligen Götter in Ewigkeit dauernden Wohnsitz, —
Zeugte die hohen Gebirge, der Göttinnen liebliche Plätze,
Welche die Schluchten der Berge bewohnen und Nymphen genannt sind.
Ferner gebar sie das Meer, das öde mit brausenden Wogen,
Pontos genannt, nicht pflag sie der Liebe: und weiterhin gab sie,
Uranos' Lager genaht, Okeanos' Tiefen das Dasein
Kolos und Kreios sodann, Hyperion, Japetos ferner,
Theia weiter und Rheia, Mnemosyne ferner und Themis;
Phoibe im goldenen Schmuck und Tethys voll lieblicher Anmut.
Nach ihnen endlich, als jüngster, ward Kronos geboren, voll Arglist,
Weitaus der schrecklichste Sohn: ihn haßte der blühende Vater,
Auch die Kyklopen gebar sie, die Übermut hegen im Herzen.“

Dann zählt er alle anderen Nachkommen des Kronos auf, dann sei auch Zeus aus Rhea entsprossen. — Alle diese Männer haben sich also in der geschilderten Weise über Natur und Entstehung des Alls geäußert. Keiner von ihnen stieg bis zum wahren Gotte auf, sondern sie beschäftigten sich damit, das Wesen der gewordenen Dinge zu untersuchen und hielten, voll Staunen über die Größe der Schöpfung, diese selbst für die Gottheit, [S. 42] wobei der eine diesen, der andere jenen Teil der Schöpfung höher einschätzte; ihren Gott und Schöpfer erkannten sie nicht3.

Die Ansichten der griechischen Philosophen dürften nunmehr genügend dargelegt sein. Von ihnen gingen die Häretiker aus, deren Lehren wir bald besprechen werden. Vorher will ich noch Geheimlehren und geschäftige Erdichtungen über die Sterne und die Größenverhältnisse darlegen. Auch von solchen nahmen die Häretiker ihre Ausgangspunkte, und so gelten sie in den Augen der Menge als Wunderlehrer; hernach werden wir der Reihenfolge nach ihre Lehren in ihrer Nichtigkeit dartun.

1: Theog. 52 – 60.
2: Theog. 108 ff.
3: Vgl. Röm. 1, 25.

 

 

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Einleitung. Widerlegung aller Häresien

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger