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Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)
Buch I.

19.

Er bezeichnet als Prinzipien des Alls Gott, Stoff und Urbild; Gott hat dies Weltall gebildet, geordnet und trägt dafür Sorge; der Stoff liegt allem zugrunde — er nennt ihn1 auch die Empfangende und die Amme —; aus dessen Teilung sind die vier Weltelemente Feuer, Luft, Erde, Wasser entstanden. Aus ihnen bestehen auch alle anderen, die sogenannten Mischwesen, Tiere und Pflanzen. Die Vernunft Gottes ist das Urbild, das Plato auch Idee nennt, gewissermaßen ein Bild, das Gott in seiner Seele schaute, da er das All schuf. Plato bezeichnet Gott als unkörperlich, unsichtbar und nur für weise Männer faßbar; der Stoff sei potentiell Körper, nicht aber aktuell, denn er sei gestalt- und eigenschaftslos und werde zum Körper erst, wenn er Gestalt und Eigenschaften annehme. — Der Stoff also sei ein Prinzip, und zwar ein mit Gott gleichzeitiges; in dieser Hinsicht sei auch die Welt ungeworden. Denn sie bestehe aus dem Stoff. Aus dem Nichtgewordensein folgt nach ihm auch durchweg die Unvergänglichkeit. Insofern aber der Körper aus vielen [S. 32] Eigenschaften und Ideen zusammengesetzt ist, insofern ist er geworden und vergänglich. Einige Platoniker haben beide Momente unter Anwendung folgenden Vergleiches verbunden: Wie ein Wagen, wenn Teil für Teil ersetzt wird, doch bestehen bleibt, und auch wenn ein Teil nach dem anderen zugrundegeht, doch selber als Ganzes weiterexistiert, ebenso vergeht die Welt immer in einzelnen Teilen, und doch bleibt sie ewig bestehen, da die verschwundenen Teile wieder ersetzt werden. Die einen sagen, Plato habe einen ungewordenen und unvergänglichen Gott anerkannt, wie er in den „Gesetzen“ sagt: „Gott hat also, wie auch der alte Spruch lautet, aller Wesen Anfang und Ende und Mitte in sich“2; so nenne er ihn den einen Alldurchdringer. Andere sagen, er nehme eine unbestimmte Vielheit von Göttern an, denn er sage: „Ihr Götter der Götter, deren Schöpfer und Vater ich bin“3; nach anderen wieder meint er bestimmte Gottheiten mit den Worten: „Der gewaltige Zeus im Himmel, der den geflügelten Wagen lenkt“4, oder wenn er den Stammbaum der Kinder des Uranos und der Ge wiedergibt. Andere sind der Meinung, er habe angenommen, daß die Götter entstanden seien, und diese müßten wegen ihres Gewordenseins an und für sich vergehen; nach dem Willen Gottes seien sie aber unsterblich; dies habe er durch einen Zusatz zum Ausdruck gebracht: „Götter der Götter, deren Schöpfer und Vater ich bin, unvernichtbar, wenn ich es will“5, als ob sie leicht der Vernichtung anheimfielen, wenn er es so wollte. Plato nimmt dämonische Wesen an, die teils gut, teils böse sind.

Er nennt, wie die einen meinen, die Seele ungeworden und unvergänglich, wenn er sagt: „Jede Seele ist unsterblich, denn was sich immer bewegt, ist unsterblich“6, und wenn er sie als sich selbst bewegend, als Prinzip der Bewegung erweist. Nach anderen nennt er [S. 33] sie geworden, aber durch Gottes Willen unvergänglich, nach anderen zusammengesetzt, geworden und vergänglich; denn er nimmt einen Mischkrug für sie an7, auch habe sie einen lichtartigen Leib; das, was geworden, gehe naturnotwendig unter. Diejenigen, die für die Unsterblichkeit der Seele sind, stützen ihre Ansicht auf alle jene Stellen, an denen Plato von einem Gericht nach dem Tode und von Gerichtshöfen in der Unterwelt, vom Lohn der Guten und von der Bestrafung der Bösen spricht. — Einige sagen, er nehme die Seelenwanderung an, und zwar gingen die abgeschiedenen Seelen in verschiedene Leiber ein, je nach Verdienst, und würden nach gewissen bestimmten Zeiträumen wieder in diese Welt hinaufgesandt, um eine Probe ihrer Gesinnung abzulegen. Andere stellen dies in Abrede und behaupten, jeder erhalte seinen (endgültigen) Platz nach Verdienst, und berufen sich zum Beweise dafür auf die Stelle, wo Plato sagt, von den Seelen der guten Männer weilten einige bei Zeus, andere bei den anderen Göttern; alle aber, die schlimme Frevel verübt hätten, erlitten ewige Strafen.

Plato, so lehrt man, bezeichnet die Dinge teils als solche ohne Mittelbegriff [amesa] (ἄμεσα), teils als solche mit Mittelbegriff [eumesa] (ἒυμεσα), teils als Mittelbegriffe [mesa] (μέσα). Wachsein und Schlaf und dergleichen bezeichnet er als mittelbegrifflos, Gut und Böse z. B. als einen Mittelbegriff habend und als Mittelbegriffe das Grau zwischen Weiß und Schwarz oder sonst eine Farbe. Gut im eigentlichen Sinne nennt er nur das Gute, das auf die Seele Bezug hat; das, was den Leib und die Außenwelt angeht, nennt er nicht eigentlich gut, sondern uneigentlich gut; vielfach auch soll er es als in der Mitte liegend bezeichnet haben, denn man könne einen guten und einen schlechten Gebrauch davon machen. Die Tugenden stehen dem Werte nach am höchsten, ihrem Wesen nach sind sie das richtige Mittelmaß. Es gibt ja nichts Wertvolleres als die Tugend. Im Exzeß oder im Defekt wird sie schließlich zum Laster. Er zählt vier Tugenden auf: Weisheit, Mäßigkeit, Gerechtigkeit, Starkmut. [S. 34] Jeder entsprechen nach der Seite des Zuviel oder des Zuwenig je zwei Laster: der Klugheit die Unklugheit nach der Seite des Defektes, Verschlagenheit als Übertreibung, der Mäßigkeit Unmäßigkeit als Defekt, Stumpfsinn als Übermaß, der Gerechtigkeit übertriebenes Verzichten als Defekt, Selbstsucht als Exzeß, der Starkmut Feigheit als Defekt, Tollkühnheit als Exzeß. Wer diese Tugenden hat, ist vollkommen und glücklich. Das Glück aber ist die größtmögliche Verähnlichung mit Gott; die Verähnlichung mit Gott besteht aber darin, daß einer heilig und gerecht und klug ist. Dies ist nach Plato das Ziel höchster Weisheit und Tugend. Die Tugenden stehen miteinander im Zusammenhang, sind wesensgleich und nie im Gegensatz zueinander; die Laster dagegen sind vielfältig, und bald entsprechen sie sich, bald sind sie einander entgegengesetzt.

Plato nimmt ein Fatum an, doch geschehe nicht alles nach dem Fatum, sondern manches hänge von unserer Entscheidung ab. So sagt er: „Ursache ist der Wollende; Gott ist nicht Ursache“8, und: „Dies ist das Gesetz der Adrasteia“9. So faßt er das Schicksal und die Selbstbestimmung auf. Die Sünden hielt er für unfreiwillige Taten; denn in das Beste, was wir haben, nämlich in die Seele, werde wohl keiner das Böse, d. i. die Ungerechtigkeit, einlassen. Nur aus Unwissenheit oder aus Irrtum in bezug auf das Gute, im Wahn, etwas Gutes zu tun, mache man sich an das Böse. Hierfür gibt es einen sehr klaren Beleg im „Staate“10: „Ihr sagt wiederum, daß das Laster schändlich und gottverhaßt ist. Wie sollte nun einer ein solches Übel wählen? Wer den Gelüsten unterliegt, sagt Ihr. Also ist dies unfreiwillig, während der Sieg Sache des freien Willens ist. Somit beweist die Vernunft, daß Unrechttun aus was immer für einem Grunde unfreiwillig ist.“ Einer macht ihm nun den Einwurf: „Wenn sie unfreiwillig fehlen, warum werden sie gestraft?“ Er antwortet11: „Damit [S. 35] ein solcher möglichst bald von seiner Schlechtigkeit befreit werde und Sühne tue.“ — Sühne zu tun, sei kein Übel, sondern etwas Gutes, wenn anders es eine Reinigung vom Bösen geben soll — und damit die anderen, die davon hören, nicht sündigten, sondern sich vor solchem Irrtum hüteten. Das Wesen des Bösen stamme nicht von Gott noch habe es ein selbständiges Dasein, sondern rühre aus der Gegensätzlichkeit und aus dem Zusammenhang mit dem Guten her, sei es nach der Seite des Zuviel oder nach der des Zuwenig, wie wir oben bezüglich der Tugenden sagten. Dies ist Platos Philosophie, der, wie erwähnt, die drei Teile der gesamten Philosophie verband.

1: Stoff, im Griech. weiblich.
2: Gesetze IV p. 715 E.
3: Timaios 41 A.
4: Phaidros 246 E.
5: Timaios 41 A.
6: Phaidros 245 C.
7: Plato, Timaios 41 D.
8: Staat X 617 E.
9: Phädr. 248 C. Der Name Adrasteia wurde als die Unentrinnbare gedeutet.
10: Irrtümlich: Klitophon 407 D.
11: Vgl. Gorg. 478 E, Staat IX 591 A.

 

 

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Einleitung. Widerlegung aller Häresien

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger