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Gregorius Thaumaturgus († 270-75) - Lobrede auf Origenes (In Origenem oratio panegyrica)

9.

Was aber von allem die Hauptsache ist und die eigentliche Triebfeder für die Anstrengungen aller [S. 239] Anhänger der Weisheit, — daß sie nämlich gleichwie aus einer reichhaltigen Pflanzstätte aus langandauernder Beschäftigung mit der Weisheit und allen anderen Wissenszweigen herrliche Früchte ernten, nämlich die göttlichen Tugenden eines sittlichen Charakters, durch die die Seelenkräfte in einen Zustand unerschütterlicher und stets gleichmäßiger Ruhe gelangen — er war fernerhin bestrebt mich unempfindlich gegen Leid und jede Art von Unglück, dagegen fest gegründet in innerer Ordnung und innerem Gleichgewicht, endlich in Wahrheit gottähnlich und glückselig zu machen. Und dies suchte er zu erreichen durch die ihm eigentümliche milde und geistreiche Art, wie er sich über meinen Charakter und mein Benehmen äußerte, nicht zum mindesten auch durch die zwingende Beweiskraft, die sich in diesen Äußerungen kundgab. Und nicht bloß durch Gespräche, sondern in gewissem Sinne bereits auch durch Taten beherrschte er meine Regungen, nämlich gerade durch diese Beobachtung und Betrachtung der Regungen und Stimmungen des Seelenlebens. Denn dadurch vor allem, daß unsere Seele ihre Unordnung erkennt, vermag sie sich daraus emporzuarbeiten und aus dem Zustand der Verwirrung zu geklärten und wohlgeordneten Verhältnissen überzugehen. Zuerst muß sie sich selbst wie in einem Spiegel beschauen, nämlich die Uranfänge und Wurzeln des Übels, all ihr unvernünftiges Wesen, woraus unsere unschicklichen Leidenschaften entspringen, und andererseits alles, was den besseren Teil unseres Wesens ausmacht, die Vernunft, unter deren Herrschaft sie für ihren Teil frei von Schaden und Leiden bleibt. Dann, wenn sie dieses ihr Wesen genau betrachtet hat, soll sie alle Auswüchse der niedrigeren Natur, die uns vor Ausgelassenheit alle Zügel schießen lassen oder vor Kleinmut uns niederdrücken und beängstigen, wie die sinnlichen Lüste und Leidenschaften oder die Traurigkeit und Furcht sowie die ganze Reihe von Übeln, welche diese Sorte von Auswüchsen in ihrem Gefolge hat, beseitigen und aus dem Wege räumen, indem sie ihnen gleich im Entstehen und [S. 240] ersten Wachstum entgegentritt und ihnen auch nicht den mindesten Zuwachs gestattet, sondern sie zugrunde richtet und spurlos verschwinden läßt. Was dagegen aus dem besseren Teile hervorsproßt und für uns gut ist, das soll sie heranziehen und am Leben erhalten, es in seinen Anfängen sorgfältig pflegen und überwachen bis zu seiner Vollendung, Denn auf diesem Wege (meinte er) vermöge sich die Seele mit der Zeit die göttlichen Tugenden anzueignen: die Klugheit, welche imstande ist zunächst eben jene Bewegungen in der Seele zu beurteilen, wobei dann, von diesen ausgehend, auch die Erkenntnis des Guten oder Bösen gewonnen wird, das sich allenfalls außer uns befindet, dann die Mäßigkeit, jene Fähigkeit, die vom Anfang an darin die richtige Auswahl zu treffen weiß, ferner die Gerechtigkeit, die jedem das ihm Gebührende zuteilt, und endlich den Starkmut, der alle diese Errungenschaften zu bewahren weiß. Übrigens gewöhnte er mich nicht mit ausführlichen Worten an die Auffassung, daß die Klugheit eben in der Erkenntnis bestehe, was gut und bös oder was zu tun und nicht zu tun sei; das wäre ja offenbar ein leeres und nutzloses Wissen, wenn das Wort mit den Taten im Widerspruch stünde und die Klugheit nicht tun wollte, was man tun soll, und nicht von dem zurückhalten wollte, was man nicht tun soll, und doch denen, welche sie besitzen, die betreffende Erkenntnis an die Hand gäbe, wie wir es an vielen sehen. Desgleichen sagte er nicht bloß, die Mäßigkeit sei eben eine Erkenntnis dessen, was man wählen und nicht wählen soll, während die übrigen Lehrer der Weisheit so viel wie gar keine Anleitung dazu geben, ganz besonders die jüngeren, die mit Worten allerdings kraftvoll und stark sind, so daß ich mich oft über diese Leute gewundert habe, wenn sie den Menschen eine gleiche Tugend beilegten wie Gott und den Weisen auf Erden dem höchsten Gott gleichstellten, die aber weder imstande sind die Klugheit so zu lehren, daß man auch nach den Forderungen der Klugheit handelt, noch die Mäßigkeit in der Weise, daß man sich auch für das entscheidet, was man kennen gelernt hat. Das Gleiche gilt auch in Ansehung der Gerechtigkeit und des Starkmutes. Nicht [S. 241] in solcher Weise ging er mit mir die Tugendlehre durch, sondern er forderte mehr zum Handeln auf, und zwar forderte er mehr durch seine Taten dazu auf als durch den Inhalt seiner Worte.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger