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Gregorius Thaumaturgus († 270-75) - Lobrede auf Origenes (In Origenem oratio panegyrica)

7.

Übrigens verfuhr er, sobald er mich gefangen und auf alle mögliche Weise umringt und nachdem er die Hauptarbeit getan und ich mich zu bleiben entschlossen hatte, von da an wie ein guter Landwirt mit einem unbestellten Ackerboden, der zwar in keiner Weise fruchtbar, sondern salzhaltig und ausgebrannt, steinig und sandig ist oder auch mit einem solchen, der zwar nicht ganz und gar ohne Erträgnis und Wachstum, sondern im Gegenteil sehr üppig und dennoch wüst und vernachlässigt, mit Dornen und wilden Gesträuchen verwachsen und schwer zu bearbeiten ist, oder er machte es wie ein Gärtner mit einem Baum, der zwar wild und ohne edle Früchte, aber doch nicht ganz und gar unbrauchbar ist, falls jemand mit seiner Gartenkunst ein edles Reis nimmt und es ihm aufpfropft, indem er zuerst in der Mitte einen Spalt macht, dann das Reis hineinsteckt und den Stamm verbindet, bis endlich beide in eins zusammenwachsen (wie zwei zusammenfließende Quellen). So kann man nämlich manchen Mischling von einem Baume sehen, der zwar nicht von der ursprünglichen Art ist, aber doch aus einem unfruchtbaren ein guter Fruchtbaum geworden ist und die Früchte des edlen Ölbaums auf wilden Wurzeln hervorbringt. Er machte es also wie ein Gärtner entweder mit einem Stamm, der zwar wild, aber dessen ungeachtet für einen geschickten Gärtner nicht unbrauchbar ist oder mit einem Edelstamm, der gute Früchte hervorbringt, aber nicht in der gewünschten Richtung, oder mit einem Stamm, der aus Mangel an Kunstfertigkeit nicht beschnitten, nicht begossen und nicht reinlich gehalten ist und ersticken muß vor den vielen überflüssigen Schößlingen, die an ihm zwecklos herauswachsen und sich gegenseitig hindern [S. 235] vollkommen auszuwachsen und Frucht zu tragen. So ungefähr nahm er mich in seine Hände, und mit der ihm eigenen Gewandtheit in Bestellung des Erdreichs musterte und durchschaute er nicht bloß, was jedermann sichtbar war und offen in die Augen fallen mußte, sondern er grub das Erdreich auf und prüfte es im tiefsten Grunde, indem er Fragen stellte und vorlegte und auf meine Antworten hörte; und nachdem er so in mir ein Element erkannt hatte, das nicht unbrauchbar, unnütz und nicht ohne Aussicht auf Erfolg war, grub er und ackerte um und begoß und setzte alles in Bewegung, bot alle seine Geschicklichkeit und Sorgfalt auf und bearbeitete mich beharrlich. Dornen und Disteln und alle Gattungen von wilden Kräutern und Gewächsen, wie sie meine unstete, weil ungeordnete und unbesonnene Seele üppig wachsen und hervorsprießen ließ, alles schnitt er ab und nahm es hinweg durch seine Beweisgründe und seine Verbote. Er faßte mich an und ganz in der Weise eines Sokrates stellte er mir sozusagen bisweilen durch sein Beweisverfahren ein Bein und brachte mich zu Fall, wenn er etwa sah, daß ich wie ein wildes Pferd ganz und gar die Zügel abstreifte, über den Weg hinaussprang und vielfach zwecklos umherrannte, bis er mich mit einer gewissermaßen zwingenden Überredungsgabe durch Beweisgründe aus meinem eigenen Munde wie durch einen Zaum wieder zur Ruhe brachte. Anfangs war es mir widerwärtig und sogar kränkend, wie er seine Beweisgründe vorbrachte; denn ich war noch nicht daran gewöhnt und hatte noch gar keine Übung gehabt in der Unterordnung unter die Gründe der Vernunft. Aber es lag darin gleichwohl ein läuterndes Element.

So machte er mich fähig und bereitete mich wohl vor zur Aufnahme der Beweisgründe der Wahrheit. Dann erst, als das Erdreich gleichsam ganz gut hergerichtet, weich und bereit war den eingestreuten Samen hervorsprießen zu lassen, streute er ihn reichlich aus, indem er sowohl die Aussaat rechtzeitig bewerkstelligte als auch die ganze übrige Sorge rechtzeitig darauf verwendete und alles in angemessener Weise und mit der eigenartigen Kraft seiner Rede vollführte. Alles, [S. 236] was in meinem Geiste stumpf und verbildet war, sei es, daß er von Natur so beschaffen oder daß er infolge von übermäßiger Leibesnahrung schwerfällig geworden war, schärfte er und vergeistigte es durch seine feinen auf die geistigen Lebensprozesse berechneten Beweisgründe und Wendungen, die, aus den einfachsten Voraussetzungen folgerichtig entwickelt und vielfältig ineinander verflochten, sozusagen zu einem unzerreißbaren und schwer zu lösenden Gewebe sich gestalteten und mich dann wie aus dem Schlafe aufweckten und belehrten stets an dem vorgesteckten Ziele festzuhalten und mich weder durch ihre Länge noch durch ihre Feinheit irgendwie aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Was aber unüberlegt und voreilig war, sei es nun, daß ich der nächsten besten Ansicht beipflichtete, wie beschaffen sie auch sein mochte, und selbst wenn sie falsch war, oder sei es, daß ich oft widersprach, auch wenn eine richtige Ansicht ausgesprochen wurde: auch das verbesserte er durch jene vorhin erwähnten oder auch noch andere mannigfaltige Beweisgründe. Denn der in Rede stehende Teil des Studiums der Weisheit1 ist gar reich an Abwechslungen und gewöhnt daran nicht blindlings oder aufs Geratewohl mit Zustimmungen verschwenderisch zu sein und umgekehrt auch nicht blindlings abzusprechen, sondern dabei genaue Untersuchung anzustellen und zwar nicht nur über das, was in die Augen fällt — es hatten sich nämlich auf diesem Wege viele berühmte und glänzende Aussprüche unter dem Deckmantel einer edlen Sprache in meine Ohren eingeschlichen, als wenn sie auf Wahrheit beruhten, während sie innerlich faul und lügenhaft waren, und hatten mir mit Erfolg die Anerkennung ihrer Wahrheit abgestohlen; aber in nicht gar langer Frist wurden sie als faul und unglaubwürdig erkannt und es war umsonst, daß sie sich in das Gewand der Wahrheit zu verhüllen suchten. Er überzeugte mich auch mit Leichtigkeit, daß ich mich in lächerlicher Weise getäuscht und blindlings auf Ansichten geschworen hatte, die es nicht im mindesten verdienten. Umgekehrt hinwiederum hatte ich andere [S. 237] Ansichten, die gediegen waren, aber nicht prunkend auftraten oder nicht in Vertrauen erweckende Ausdrücke gefaßt waren, für widersinnig und höchst unglaubwürdig gehalten und ohne weiteres als falsch verworfen und in unwürdiger Weise mich darüber lustig gemacht. Später aber, wenn ich sie gründlich erforschte und überdachte, erkannte ich, daß das, was ich bisher für verwerflich und unannehmbar gehalten hatte, im allerhöchsten Grade der Wahrheit entsprechend und schlechthin unanfechtbar war. — Also nicht nur die glänzende und in die Augen fallende Außenseite, die aber bisweilen trügerisch und auf Täuschung berechnet ist, solle man, so lehrte er mich, gründlich erforschen, sondern das innere Wesen, man solle jedes einzelne Ding nach allen Seiten untersuchen, ob sich nicht irgendwo ein Mißklang herausstelle, und sich dabei zuerst selbst vergewissern und so erst dem äußeren Eindrucke beipflichten und über jedes einzelne ein Urteil fällen. So entwickelte er nach den Gesetzen des Denkens das Urteilsvermögen meiner Seele in Bezug auf Ausdrücke und Redewendungen und zwar nicht, wie die glänzenden Redekünstler unterscheiden, ob etwas nach seinem sprachlichen Laute hellenisch oder ausländisch ist. Denn das zu wissen ist nicht von Bedeutung und auch nicht notwendig. Aber jenes ist für alle höchst notwendig, für Hellenen und Nichthellenen, für Gelehrte und Ungelehrte, überhaupt (um nicht durch Aufführung aller Wissenszweige und Beschäftigungen weitläufig zu werden) für alle Menschen, welchen Beruf sie auch immer ergreifen mögen, insoferne wenigstens alle, die über irgend einen Gegenstand mit anderen zu verhandeln haben, besorgt und bemüht sind nicht der Täuschung zum Opfer zu fallen.

1: die Dialektik.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger