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Gregorius Thaumaturgus († 270-75) - Lobrede auf Origenes (In Origenem oratio panegyrica)

6.

Mit dem ersten Tag aber, an dem er uns bei sich aufgenommen hatte — es war dies in Wahrheit mein erster und, wenn ich so sagen darf, mein ehrenvollster Tag, als für mich zum erstenmal die Sonne der Wahrheit aufzugehen begann — gab er sich zunächst alle erdenkliche Mühe uns an sich zu fesseln, während wir in ähnlicher Weise wie wilde Tiere, Fische oder Vögel, die in Schlingen oder Netze geraten sind, zu entschlüpfen und zu entrinnen [S. 230] suchten und mit dem Gedanken umgingen von ihm weg nach Berytus oder in unsere Heimat zu entweichen. Dabei bewegte er sich in allen Tonarten und zog, wie man im Sprichwort sagt, an allen Stricken und setzte alle seine Kräfte in Bewegung. Er pries die Liebe zur Weisheit und ihre Liebhaber mit großen, reichlichen und zutreffenden Lobeserhebungen. Nur die, sagte er, führten in Wahrheit ein Leben, wie es vernünftigen Wesen gebührt, die bemüht seien rechtschaffen zu leben und vor allem eine Erkenntnis erlangten von ihrer eigenen Natur und im Anschluß daran von dem wahrhaft Guten, das der Mensch anstreben, und von dem wahrhaft Bösen, das er fliehen soll. Dann geißelte er die Unwissenheit und alle, die in Unwissenheit leben. Es gibt aber deren viele, die, blind am Geiste wie das liebe Vieh, nicht einmal wissen, was sie sind, die herumgehen, wie wenn sie keine Vernunft hätten und überhaupt weder wissen noch wissen wollen, worin denn eigentlich das Wesen des Guten und des Bösen besteht, die nach Reichtum und Ruhm, nach Ehrenbezeigungen vonseiten des Volkes und körperlichem Wohlbefinden trachten und schmachten, wie wenn darin das Gute bestünde, die diese Dinge hoch, ja über alles schätzen, und von den Fertigkeiten nur die, die zu diesen Gütern verhelfen können, sowie von den Berufsarten nur jene, die dazu eine Aussicht eröffnen, den Kriegerstand, den Richterstand und das Studium der Rechte. Dies seien, so betonte er mit besonderem Nachdruck und großer Geschicklichkeit, die Beweggründe, die uns leiteten, wenn wir unsere Vernunft vernachlässigten, die doch, wie er sagte, am meisten in uns zur Herrschaft berufen sei. Ich könnte jetzt nicht sagen, wie viele Aussprüche dieser Art aus seinem Munde kamen um uns zum Studium der Weisheit zu bewegen, nicht bloß an einem einzigen Tage, sondern an mehreren Tagen der ersten Zeit, in der ich ihn aufsuchte. Ich fühlte mich von seiner Rede wie von einem Pfeil getroffen und zwar gleich vom Beginn dieses Lebensabschnittes an; denn sie war gewissermaßen eine Mischung von süßer Anmut, überzeugender Beredsamkeit und zwingender Kraft. Aber immer noch wand und drehte ich mich (wenn man so sagen darf) und sann [S. 231] hin und her. Und ich bestand auf dem Studium der Weisheit, war aber noch nicht ganz dafür gewonnen und doch konnte ich merkwürdigerweise nicht wieder davon abstehen, sondern fühlte mich fort und fort durch seine Worte wie mit höherem Zwange zu ihm hingezogen. Er erklärte es nämlich für ganz unmöglich den Herrn der Welt auch nur richtig zu verehren, — und das ist doch eine Auszeichnung und ein Vorzug, den unter allen lebenden Wesen auf der Welt nur der Mensch besitzt, und davon ist natürlich gar niemand ausgeschlossen, ob er unterrichtet ist oder nicht, außer er hat durch etwaige Geistesstörung den Gebrauch seines Denkvermögens ganz und gar verloren, — also selbst die Gottesverehrung erklärte er mit Recht immer wieder und wieder für ganz unmöglich, wenn man sich nicht mit der Weisheit befaßt habe. So häufte er eine Menge von derartigen Beweggründen aufeinander, bis er mich, wie in einem Zauber befangen, durch seine Künste ohne die geringste Regung des Widerstandes an das Ziel gebracht und — ich weiß nicht, wie — durch seine Vorstellungen, ich möchte sagen, mit göttlicher Kraft neben sich festgebannt hatte. Denn er verwundete mich auch noch mit einem Stachel, dessen man sich nicht leicht erwehren kann, der scharf ist und sehr geeignet zum Ziele zu führen, nämlich mit dem Stachel der Freundschaft, gewandten Benehmens und edler Gesinnung, die sich mir schon durch den Ton seiner Stimme in der Anrede und Unterhaltung als eine wohlwollende zu erkennen gab. Nicht schlechthin durch Vorstellung von Gründen suchte er mich zu überwältigen, sondern mit seiner gewandten, menschenfreundlichen und ganz edlen Gesinnung suchte er mich dem Untergang zu entreißen und mir an den Gütern der Weisheit Anteil zu verschaffen, sowie auch ganz besonders an den übrigen Gaben, welche die Gottheit mehr als den meisten oder vielleicht auch mehr als allen jetzt lebenden Menschen ihm allein verliehen hat. Ich meine den Lehrmeister der Gottesfurcht, das heilbringende Wort, das sich vielen nähert und alle unterwirft, mit denen es in Berührung kommt, — denn gar nichts vermag ihm zu widerstehen, da ihm die Herrschaft gehört über alles in der Gegenwart wie in [S. 232] der Zukunft — das sich aber verbirgt und von den meisten nicht nur nicht mit Leichtigkeit, sondern auch nicht mit Schwierigkeit so erkannt wird, daß sie, darüber befragt, eine klare Auskunft geben könnten. Wie ein Funke, der mitten in mein Herz gefahren, entbrannte und entflammte meine Liebe gegen das heilige, gegen das liebenswürdigste Wort selbst, das alle mit seiner unausprechlichen 1 Schönheit aufs unwiderstehlichste an sich zieht, und zugleich meine Liebe gegen diesen Mann, den Freund und Herold des Wortes. Durch diese Liebe aufs tiefste verwundet ließ ich mich überreden alle Beschäftigungen und Kenntnisse, die mir, wie es schien, zugestanden wären, von den andern ganz abgesehen sogar das Studium meiner herrlichen Gesetze beiseite zu lassen, ferner meine Heimat und meine Verwandten, sowohl jene, die in meiner Umgebung waren als auch die, um derentwillen ich auf die Reise gegangen war. Nur eines war mir lieb und teuer, das Studium der Weisheit und mein Führer zu ihr, dieser himmlische Mann. Und die Seele Jonathans verband sich mit [der Seele des] David2. Dies habe ich später in der heiligen Schrift gelesen, empfunden aber habe ich es schon zuvor nicht weniger deutlich als es ausgesprochen ist und es ist doch ganz klar und bestimmt ausgesprochen. Es wurden nämlich nicht schlechthin Jonathan und David miteinander verbunden, sondern gerade das Wichtigste, ihre Seele, also das, was selbst dann, wenn das Sinnenfällige und Sichtbare am Menschen sich trennt, durch kein Mittel gezwungen werden kann sich gleichfalls zu trennen, ohne seine Zustimmung wenigstens auf keinen Fall. Die Seele ist nämlich etwas Freies und läßt sich in keiner Weise einschließen, auch wenn man sie in einem Käfig eingesperrt halten wollte. Denn sie ist so geartet, daß sie zunächst überall dort ist, wo der Verstand verweilt. Und wenn du auch glaubst, sie sei im Käfig, so wird sie erst nachträglich durch [S. 233] deine Einbildungskraft dahin versetzt; denn sie ist um dessentwillen durchaus nicht verhindert dort zu sein, wo sie eben sein will. Um so mehr kann sie durchaus nur dort sein und muß natürlich dort für anwesend gehalten werden, wo sich der Schauplatz und das Ziel ihrer höchst eigenen und besonderen Tätigkeit befindet. Hat also nicht der heilige Schriftsteller das, was in mir vorging, ganz klar mit dem kürzesten Ausdrucke veranschaulicht, wenn er sagt, daß Jonathans Seele verbunden wurde mit der Seele Davids? Eine solche Verbindung wider ihren Willen zu zerreißen wird, wie gesagt, in keiner Weise gelingen, freiwillig aber wird nicht leicht eine Zustimmung dazu erfolgen. Denn nicht der schwächere Teil, der dem Wechsel zugänglich und leichter geneigt ist seine Entschlüsse zu ändern, darf, glaube ich, sich herausnehmen diese heiligen Bande der Freundschaft zu lösen, da es auch nicht von ihm allein abhing sie am Anfang zu knüpfen. Dies steht vielmehr dem geistig Überlegenen zu, der standhaft und nicht leicht zum Wanken zu bringen ist und von dem es hauptsächlich abhing die Bande und diese heilige Verknüpfung zuwege zu bringen. Es wurde ja auch nach dem göttlichen Wort nicht so fast Davids Seele mit Jonathans Seele verbunden, sondern im Gegenteil heißt es, daß die Seele des Schwächeren erfaßt und mit der Seele Davids verbunden wurde. Denn nicht das Stärkere, das sich selbst genügt, möchte sich gern verbunden sehen mit dem Schwächeren, das unter ihm steht, sondern das Schwächere, welches der Hilfe von seiten des Besseren bedarf, sollte sich mit dem Stärkeren verbinden und von ihm abhängig sein, damit das eine, in sich selbst verharrend, keinen Schaden nehme durch seine Gemeinschaft mit dem Schwächeren, das in sich Ungeordnete aber, mit dem Besseren verbunden und wohl zusammengefügt, keinen Schaden anrichte, sondern durch den Zwang der Fesseln, die es an das Bessere ketten, unterwürfig gemacht werde. Darum stand die Herstellung jener Bande dem Überlegenen zu und nicht dem Schwächeren. Sich die Bande anlegen zu lassen ist dagegen Sache des Geringeren und zwar so, daß es ihm gar nicht mehr freisteht sich von ihnen [S. 234] loszumachen. Mit solchen zwingenden Fesseln hält mich dieser David gleichsam fest zusammengeschnürt, nicht nur gegenwärtig, sondern schon von jener Zeit an, und wenn ich auch wollte, ich könnte mich nicht von seinen Fesseln losmachen. Ja wenn ich sogar in ein anderes Land gehen wollte, wird er meine Seele nicht loslassen, die er im Sinne der heiligen Schrift so fest an sich gebunden hält.

1: [„unausprechlich“ ist im Original mit einem „s“ geschrieben]
2: 1. Kön. 18, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger