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Gregorius Thaumaturgus († 270-75) - Lobrede auf Origenes (In Origenem oratio panegyrica)

4.

Wir wollen vielmehr unsere Lobpreisungen und Huldigungen für den Beherrscher und Erhalter des Weltalls, der die unerschöpfliche Quelle alles Guten ist, an den richten, der auch hierin unsere Schwache heilt und allein das Fehlende zu ergänzen vermag, den Führer und Erlöser unserer Seelen, sein erstgeborenes Wort, den Schöpfer und Lenker des Weltalls, weil dieser allein die Fähigkeit besitzt sowohl für sich selbst als auch für alle, und zwar für jeden einzelnen so gut wie für die Gesamtheit zumal, fortwährend und unausgesetzt seinem Vater den Dank darzubringen. Denn da er selbst die Wahrheit1, die Weisheit und Kraft2 des Allvaters, und dazu noch in ihm und mit ihm vollkommen geeinigt3 ist, deshalb ist es gar nicht denkbar, daß er aus Vergeßlichkeit oder aus Mangel an Einsicht oder irgendwie aus Schwachheit wie einer, der außerhalb von ihm sein Dasein hat, entweder nicht hinreichend Kraft hätte ihn zu preisen oder es zwar vermöchte, aber freiwillig — es wäre Sünde dies zu sagen — seinen Vater ohne Lobpreis lassen wollte. Er allein vermag am vollkommensten den ganzen Tribut des Lobes darzubringen, [S. 223] das ihm gebührt. Ihn hat der Allvater selbst mit sich Eins gemacht4, indem er durch ihn nahezu sich selbst übertraf. Darum muß der Vater, wenn man so sagen darf, in jeder Beziehung in gleich hohem Grade, wie er ihn ehrt, von ihm wieder Ehre empfangen. Dazu ist zuerst und einzig unter allen Wesen befähigt sein Eingeborner, Gott das Wort, das in ihm ist, während wir anderen alle nur insoweit Dankbarkeit und Ehrfurcht an den Tag legen können, als wir den vollgültigen und würdigen Dank für die vom Vater empfangenen Wohltaten ihm allein übertragen und auferlegen, in der Überzeugung, dies sei der einzige Weg der Gottesverehrung, durch seine Vermittlung in allem an den Urheber des Weltalls zu denken. Darum also soll offen das Bekenntnis abgelegt werden, daß der allumfassenden und immerwährenden Vorsehung, die im Größten wie im Kleinsten für uns sorgt und uns bis hieher geleitet hat, Dank und Preis darzubringen nur jenes Wort5 hinreichend würdig sei, welches höchst vollkommen und lebendig und das geistbelebte Wort der Urvernunft ist.

Mein Wort des Dankes aber soll heute unter allen Menschen vornehmlich dem heiligen Manne gelten, der hier zugegen ist. Wollte ich aber mit meinem Lobe noch höher hinaufsteigen, so möge es unter den unsichtbaren und der Gottheit näher stehenden Schutzgeistern der Menschen dem gelten, der durch Auswahl des Allerhöchsten die Aufgabe erhielt mich von meiner Kindheit an zu leiten, zu pflegen und für mich zu sorgen, der heilige Engel Gottes, der mich ernährt von Jugend auf, wie jener Liebling6 Gottes sagt, indem er offenbar dabei an seinen Engel denkt. Doch er, der ein großer Mann war, hatte in angemessener Weise einen sehr erhabenen Geist oder sonst [S. 224] jemanden, wer es auch immer sei, oder vielleicht gar den Engel des großen Ratschlusses7 selbst, den gemeinsamen Erlöser der Menschheit, um seiner Vollkommenheit willen zum ausschließlichen Beschützer erhalten, — ich weiß es nicht gewiß; jedenfalls hat er in seinem Engel, wer es auch immer sein mochte, etwas Großes erkannt und gepriesen. Ich aber tue das Gleiche neben dem gemeinsamen Lenker aller Menschen auch dem meinigen gegenüber, wer auch immer dieser eigens für meine Unerfahrenheit bestimmte Leiter sein mag. Er ist mir von jeher in jeder Beziehung und überall ein guter Erzieher und Pfleger gewesen (nicht wie es mir oder einem meiner lieben Angehörigen ersprießlich zu sein scheint — wir sind ja zu blind selbst dem gegenüber, was vor uns liegt, als daß wir etwas von dem, was wir bedürfen, auch nur zu beurteilen vermöchten — sondern wie er selbst es als nützlich erkennt, da er alles im voraus überschaut, was für unser Seelenheil ersprießlich ist) und auch jetzt noch ist er mein Ernährer, mein Erzieher und mein Führer. Und von allem andern ganz abgesehen, hat er es auch, was unstreitig das Allerwichtigste war, so einzurichten gewußt, daß er mich mit diesem Manne in Berührung brachte, ohne daß ich mit ihm durch Abstammung oder irgend welche Bande menschlichen Blutes verbunden gewesen oder sonst in näherer Beziehung gestanden wäre oder mich in seiner Nähe befunden oder überhaupt nur zu seinem Volksstamme gehört hätte — dies sind bekanntlich die Umstände, die für die Mehrzahl der Menschen der Anlaß werden, daß sie Freundschaft miteinander schließen und einander kennen lernen — sondern, um es kurz zu sagen, unbekannt, verschieden nach unserer Herkunft, gegenseitig fremd und einander ganz und gar fernstehend, sodaß Völker, Berge und Flüsse trennend zwischen uns lagen, hat er uns mit wahrhaft göttlicher und weiser Vorsehung zusammengeführt und mir dieses heilbringende Zusammentreffen ermöglicht; und das hat er, wie ich glaube, nach himmlischem Beschlusse schon gleich bei meiner Geburt und seit den frühesten [S. 225] Tagen meiner Kindheit ausgedacht. In welcher Weise aber, das wäre zu weitläufig zu erzählen, nicht bloß wenn ich bestrebt wäre genau zu sein und nichts zu übergehen, sondern auch wenn ich das meiste beiseite lassend in gedrängter Kürze nur einige wenige meiner wichtigeren Erlebnisse erwähnen wollte.

1: vgl. Joh. 14, 6.
2: vgl. 1. Kor. 1, 24.
3: vgl. Joh. 14, 10.
4: [Poiēsamenos] Ποιησάμενος sinnbildlicher Ausdruck für die hervorbringende Tätigkeit des Vaters, wie die Betonung der Wesensgleichheit leicht erkennen lässt.
5: Nur das göttliche Wort (= Christus) kann Gott würdig Lob und Dank darbringen, nicht mein schwaches menschliches Wort. Dieses richtet sich jetzt an die Geschöpfe.
6: Jakob (Gen. 48, 15).
7: vgl. Isaias 9, 6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger