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Gregorius Thaumaturgus († 270-75) - Lobrede auf Origenes (In Origenem oratio panegyrica)

3.

Nach meiner Anschauung ist es etwas Entsetzliches um die Undankbarkeit, etwas Entsetzliches, und das im vollsten Sinne des Wortes; denn Wohltaten zu empfangen ohne sich zu bestreben sie, wenn es auch auf andere Weise nicht möglich sein sollte, wenigstens durch Dankesbezeigungen in Worten zu erwidern, das verrät einen Menschen, der entweder ganz ohne Verstand und ohne Sinn für Wohltaten oder ohne Gedächtnis ist. Wer von Anfang an Sinn und [S. 220] Verständnis hat für das Gute, das er erfährt, der ist, wenn er die Erinnerung daran nicht auch für die Folgezeit bewahrt und nicht irgendwie dem Sprecher des Guten auch seinen Dank erzeigt, stumpfsinnig, undankbar und gewissenlos und versündigt sich in unverzeihlicher Weise, mag er nun hoch oder nieder gestellt sein — im ersten Fall, wenn er hochgestellt und gebildet ist, weil er nicht mit aller Dankbarkeit und Ehrerbietigkeit die großen Wohltaten, die er erfährt, im Munde führt, in letzterem Fall, wenn er niedrig gestellt und unbedeutend ist, weil er nicht aus allen Kräften Lob und Anerkennung ausspricht gegen den, der nicht bloß den Hohen, sondern auch den Niedrigen seine Wohltaten spendet. Höher Gestellte und geistig Begabtere haben natürlich in Anbetracht ihres größeren Vermögens und ihres großen Reichtums die unabweisbare Pflicht ihren Wohltätern nach Kräften größere und ehrenvollere Anerkennung zu zollen; aber auch den niedrig Gestellten und in beschränkten Verhältnissen Lebenden steht es nicht gut an, teilnahmslos oder nachlässig zu sein oder den Mut sinken zu lassen, weil sie nach ihrer Ansicht nichts Würdiges oder Vollkommenes zu leisten vermögen, sondern wie arme Leute von dankbarer Gesinnung sollen sie nicht die Leistungsfähigkeit dessen, den sie ehren wollen, sondern ihre eigene als Maßstab zugrunde legen und mit den ihnen zu Gebot stehenden Kräften ihre Ehrenbezeigungen erweisen, die dem Geehrten vielleicht wohlgefällig und angenehm und in seinen Augen nicht minder wertvoll sein werden wie eine Menge von größeren Auszeichnungen, vorausgesetzt, daß sie dieselben mit etwas größerer Bereitwilligkeit und ganz ergebener Gesinnung darbringen. So wird in der heiligen Schrift erzählt1, daß einmal eine unbedeutende arme Frau gleichzeitig mit reichen und vermöglichen Leuten, die von ihrem Reichtum große und kostbare Geschenke opferten, für sich allein nur eine unbedeutende und ganz geringe Gabe beisteuerte, obwohl sie ihre ganze Barschaft war, und darum das Zeugnis erhielt, daß sie am meisten gegeben habe. Denn nicht nach der Größe der Gabe, die [S. 221] ja etwas Äußerliches war, sondern mehr nach den Gesinnungen und Absichten, die dabei zutage traten, bemaß, wie ich glaube, die hl. Schrift ihren Wert und ihre Vortrefflichkeit. Darum ziemt es sich auch für mich durchaus nicht, daß ich aus Furcht, mein Dank möchte den Wohltaten nicht entsprechen, Zurückhaltung beobachte, nein gerade im Gegenteil, es ist in der Ordnung, daß ich es wage und den Versuch mache, wenn auch nicht in ebenbürtiger Weise, so doch wenigstens nach dem Maße meines Könnens meine Ehrenbezeigungen als eine Art Gegenleistung darzubringen; wenn auch meine Rede etwa nicht den Grad der Vollkommenheit erreicht, wird sie doch wenigstens teilweise einen guten Erfolg haben, indem sie dem vollendeten Vorwurf der Undankbarkeit entgeht. Denn es wäre wirklich unedel ganz und gar zu schweigen unter dem verlockenden Vorwand, daß man nichts Würdiges sagen könne, während der Versuch einer Gegenleistung immer etwas Edles bleibt, auch wenn die Kräfte des Dankenden dem betreffenden Verdienste nicht gewachsen sind. Wenn ich also auch nicht imstande bin zu sprechen, wie es das Verdienst erfordert, so werde ich doch nicht schweigen; ja wenn ich alles geleistet habe, was in meinen Kräften steht, dann will ich mich dessen sogar noch rühmen.

Meine heutige Rede soll also eine Dankrede sein. Daß sie sich (unmittelbar) an Gott, den Herrn der Welt, richtet, möchte ich zwar nicht sagen. Und doch geht von ihm alles Gute aus, das wir haben, und bei ihm müßte ich auch mit meinen Kundgebungen des Dankes, des Jubels und des Lobes den Anfang machen. Indes selbst angenommen, ich wollte mich ganz, nicht aber in meinem gegenwärtigen Zustand der Unheiligkeit und Sündhaftigkeit, vermischt und vermengt mit fluchwürdiger und unheiliger Bosheit, sondern frei davon im Zustande möglichst hoher Reinheit, herrlichen Glanzes und vollkommener Lauterkeit und ohne alle Beimischung von Unvollkommenheit, ich wiederhole, selbst angenommen, ich wollte mich ganz frei davon wie ein neugeborenes Kind als Opfer darbieten, auch dann könnte ich von meiner Seite keine Gabe darbringen, die würdig genug wäre dem Lenker und [S. 222] Urheber des Weltalls Ehre und Dank zu bezeigen; dieses nach Gebühr zu preisen vermöchte weder jemals ein einzelner für sich noch auch alle Menschen zusammen, auch wenn alles, was rein ist, sich vereinigen, aus sich hinaustreten oder vielmehr in einem Geist versammelt und in einem Anlaufe zusammenstimmend sich an ihn wenden wollte. Denn was auch immer von seinen Werken jemand aufs beste und erschöpfendste ergründen und, wenn es je möglich wäre, in würdiger Weise über ihn aussprechen könnte, er würde gerade um dieser Fähigkeit willen, deren er von niemand anderem gewürdigt worden wäre, sondern die er wieder von ihm empfangen hätte, nicht daran denken können darüber hinaus von irgend einer Seite etwas Größeres sich zu verschaffen und als Beweis seiner Dankbarkeit darzubringen.

1: Luk. 21, 1—4. Mark. 12, 41—44.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger