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Gregorius Thaumaturgus († 270-75) - Lobrede auf Origenes (In Origenem oratio panegyrica)

16.

[S. 254] Das war in Wirklichkeit ein Lustgarten, eine wahre Freude und Wonne, in welcher ich die abgelaufene Zeit hindurch schwelgte, eine Zeit, die einerseits keine kurze mehr ist, aber andererseits eine äußerst kurze, wenn sie jetzt mit meiner Abreise und meiner Trennung von diesem Orte bereits zu Ende gehen soll. Ich weiß nicht, was mir widerfahren ist oder was ich abermals verschuldet habe, daß ich hinausziehe, ja hinausgetrieben werde. Ich weiß nicht, was ich anderes sagen soll, als daß ich ein zweiter aus dem Paradiese vertriebener Adam bin und erst angefangen habe zu lallen. Wie schön lebte ich doch, als ich auf meinen Lehrer hörte und schwieg. O könnte ich doch auch jetzt noch in aller Ruhe den Schüler machen und schweigen anstatt dieses neuen Schauspiels, daß der Lehrer die Rolle des Zuhörers spielt! Wozu denn eigentlich bedurfte ich dieser Worte? und wozu diese Ansprache, da ich nicht fortgehen, sondern ausharren sollte? Aber dies scheinen Verirrungen zu sein, die in jener uralten Überlistung ihre Wurzel haben, und jetzt stehen mir bereits die Strafen unserer Ahnen bevor. Oder ich kann auch sagen, es kommt mir vor, als ob ich eine Wiederholung ihres Ungehorsams begehe, indem ich Gottes Worte zu übertreten wage, während ich doch in ihnen und bei ihnen verbleiben sollte. Wenn ich aber fortgehe, so fliehe ich von diesem glücklichen Leben hinweg, gerade so, wie jener Mensch der Urwelt von dem Angesichte Gottes hinweg floh, und ich kehre zur Erde zurück, von der ich genommen wurde; Erdenstaub werde ich deshalb essen alle Tage meines dortigen Lebens und die Erde bearbeiten, die mir dazu nur Dornen und Disteln hervorbringt, nämlich meine Schmerzen und schimpflichen Sorgen, nachdem ich meine schönen und edlen Sorgen preisgegeben habe. Und das, was ich verlassen habe, zu dem kehre ich wieder zurück, zur Erde nämlich, von der ich hergekommen bin, zu meiner irdischen Verwandtschaft und in das Haus meines Vaters und ich verlasse das gute Land, wo meine gute Heimat war, ohne daß ich sie früher kannte, und ich verlasse Verwandte, an denen ich, wie ich erst später zu erkennen anfing, vertraute Freunde meiner [S. 255] Seele hatte, ich verlasse endlich mein wahres Vaterhaus, in welchem mein Vater zurückbleibt und von seinen wahren Söhnen, die dort zu bleiben entschlossen sind, glänzend geehrt und ausgezeichnet wird. Ich hingegen ziehe von da hinweg unedel und unwürdig, da ich mich umwende und wieder zurückkehre. Es wird erzählt1, daß sich ein Sohn von seinem Vater den Vermögensanteil, der ihm seinem andern Bruder gegenüber zukam, herausgeben ließ und aus freier Willensentscheidung den Vater verließ und in ein entferntes Land verreiste; durch liederlichen Lebenswandel aber habe er sein väterliches Vermögen verschleudert und aufgezehrt; zuletzt habe er sich in seiner Not als Schweinehirt verdingt, aber vom Hunger gequält habe er sogar Verlangen gefühlt von dem Futter der Schweine einen Teil zu bekommen; doch nicht einmal das sei ihm gewährt worden. So mußte er denn büßen für sein ausschweifendes Leben, nachdem er für den väterlichen Tisch, der doch ein fürstlicher war, die Nahrung der Schweine in der Stellung eines Taglöhners eingetauscht hatte, die ihm vorher nicht in den Sinn gekommen wäre. Etwas Ähnliches scheint mir bevorzustehen, da ich von hier hinweggehe und zwar nicht einmal mit dem ganzen Vermögensanteil, der mich trifft; denn ohne das Nötige mitzunehmen werde ich gleichwohl dahinziehen, die schönen und teuren Güter in deinem Kreise und Bereiche zurücklassend und dafür Dinge von geringerem Werte eintauschend. Es erwartet mich ja nur eine düstere Zukunft, Lärm und Aufregung statt des bisherigen Friedens und statt der bisherigen Ruhe und Ordnung ein regelloses Leben; statt der bisherigen Freiheit aber schwere Knechtschaft, Gerichtsverhandlungen, Prozesse, aufregende Geschäfte, Wohlleben. Und für edlere Bestrebungen bleibt mir auch nicht die geringste Zeit mehr übrig. Nicht mehr soll ich die göttlichen Aussprüche im Munde führen; dafür soll ich im Munde führen die Werke der Menschen; das [S. 256] für sich allein schon hat ein gotterleuchteter Mann2 als eine Art von Fluch angesehen, ich aber soll sogar von den Werken schlechter Menschen zu reden haben3. Wahrhaftige Nacht erwartet mich statt des bisherigen Tages, statt des bisher glänzenden Lichtes Finsternis, statt des bisherigen Festjubels Trauer, statt der bisherigen Heimat ein feindliches Land, wo ich kein heiliges Lied mehr singen darf4, — denn wie sollte ich das in einem Lande, das meiner Seele fremd ist, und wo ich bleiben soll ohne meinem Gott nahen zu dürfen? — dagegen nur weinen und seufzen in der Erinnerung an das, was ich hier gehabt, und vielleicht wird man mir das nicht einmal gestatten. Es wird erzählt5, daß einst in eine große und heilige Stadt, wo die Gottheit verehrt wurde, die Feinde eindrangen und die Bewohner, die Sänger und Gottesgelehrten als Gefangene mitfortschleppten in ihr Land, und das war Babylon. Die aber, welche dorthin abgeführt wurden, hätten nicht einmal auf Verlangen ihrer Besieger Lust gehabt ihren Gott zu besingen und in unheiligem Lande ihre Saiten ertönen zu lassen, sondern ihre Musikinstrumente an den Weiden befestigt und aufgehängt, sie selbst aber hätten Tränen vergossen an den Flüssen Babylons. Mir kommt es gerade vor, als sei ich einer von ihnen, vertrieben aus dieser Stadt, in der ich mich so heimisch fühle, aus dieser heiligen Stadt, wo Tag und Nacht die heiligen Gesetze, Loblieder und Gesänge und Reden voll tiefer Geheimnisse an unser Ohr tönen, wo das Sonnenlicht ohne Unterbrechung leuchtet, indem wir tagsüber in die göttlichen Geheimnisse eindringen und während der Nacht in der Vorstellung dessen befangen sind, was der Geist am Tage gesehen und behandelt hat, wo überhaupt, um es kurz zu sagen, durchweg die gottbegeisterte Erleuchtung weht. Aus dieser Stadt werde ich vertrieben und als Gefangener in ein fremdes Land geschleppt, wo ich nicht mehr in Tönen der Musik meinem Schmerze Ausdruck geben darf, weil ich auch wie jene mein [S. 257] Instrument an den Weiden aufgehängt habe, sondern wo ich an den Flüssen verweilen und im Schlamme meine Arbeit verrichten und meine Lieder nicht mehr werde singen wollen, wenn ich ihrer gedenke; vielleicht aber werde ich sie infolge meiner sonstigen Beschäftigung, die so unedel ist, sogar vergessen, in meinem Gedächtnis geschwächt. Wenn ich aber noch dazu bei meinem Fortziehen nicht nur nicht mit Widerstreben fortgehe wie ein Gefangener, sondern sogar aus freiem Entschluß, nicht von jemand anderem, sondern von mir selbst besiegt, da es mir ja freistünde dazubleiben, so werde ich bei meinem Weggang von hier vielleicht nicht einmal in Sicherheit reisen können wie einer, der aus einer festen und friedlichen Stadt fortzieht; und es kann recht wohl geschehen, daß ich auf meinem Wege unter Räuber gerate6, von ihnen gefangen, entblößt und mit vielen Wunden bedeckt werde und dann irgendwo hingeworfen halbtot liegen bleibe.

1: Luk. 15, 11.
2: Ps. 16, 4: ut non loquatur os meum opera hominum.
3: nämlich, als Advokat.
4: Ps. 135, 3.
5: 4. Kön. 24.
6: Luk. 10, 30.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger