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Gregorius Thaumaturgus († 270-75) - Lobrede auf Origenes (In Origenem oratio panegyrica)

15.

In dieser Hinsicht gab er mir den Rat auf nichts zu achten, selbst wenn jemand nach dem Zeugnis aller Menschen ein Ausbund von Weisheit wäre, sondern nur auf Gott sollte ich achten und auf seine Propheten. Dabei machte er selber den Dolmetscher und Ausleger, wo etwas dunkel und rätselhaft war, wie ja dergleichen vieles in den heiligen Offenbarungen enthalten ist — entweder deshalb, weil es Gott so mit den Menschen zu verkehren beliebte, damit nicht das Wort Gottes nackt und unverhüllt auch in eine unwürdige Seele, wie sie der Mehrzahl nach sind, Eingang finde, oder deshalb, weil jede göttliche Offenbarung zwar von Natur aus höchst klar und einfach ist, aber uns unklar und dunkel [S. 252] erscheint, da wir von Gott abgefallen sind und wegen der Länge der Zeit es verlernt haben auf sie zu hören, das vermag ich nicht zu sagen — kurz er machte den Erklärer und Ausleger, gleichviel ob es sich nun etwa um dunkle Stellen handelte (er besitzt ja die Gewandtheit und in höchstem Grade die Einsicht auf Gott zu hören) oder um Stellen, die von Natur aus keinerlei Schwierigkeit boten und nichts enthielten, was ihm unverständlich gewesen wäre, ihm, der allein von allen gegenwärtig lebenden Menschen, soweit ich sie persönlich kennen lernte und einzelne von andern schildern hörte, in dieser glücklichen Lage sich befindet, da er darin geübt ist den lauteren und lichtvollen Inhalt der göttlichen Aussprüche in seine Seele aufzunehmen und andere darüber zu belehren. Denn der Urheber all dieser Aussprüche, der den Gott befreundeten Propheten alle Offenbarungen, alle geheimnisvollen und göttlichen Reden vorsagt und eingibt, hatte ihn so als seinen Liebling bevorzugt und zu seinem Wortführer aufgestellt. Was er durch andere nur in dunkeln Andeutungen mitgeteilt hatte, das gestaltete er in dem Munde dieses Mannes zu einem förmlichen Unterrichte und er verlieh ihm die Gabe die tiefere Bedeutung jener Stellen zu ergründen und aufzufinden, in welchen er, die höchste Autorität des Glaubens, entweder wie ein Herrscher Befehle erteilt oder auch Wahrheiten geoffenbart hat, damit der, der etwa hartherzig und ungläubig oder auch lernbegierig wäre, in gewissem Sinne sich gezwungen sehe, durch den Unterricht bei diesem Mann ein Verständnis zu gewinnen, sich zum Glauben zu entschließen und so dem Rufe Gottes zu folgen. Und diese Aufschlüsse kann er nach meiner Überzeugung auf keinem anderen Wege geben als in Verbindung mit dem göttlichen Geiste; denn die Propheten und die Erklärer der Propheten sind auf eine und dieselbe Kraft angewiesen, und niemand kann einen Propheten verstehen, wenn ihm nicht der in dem Propheten tätige Geist selbst das Verständnis seiner Worte verleiht. In diesem Sinne enthalten auch die heiligen Schriften den Ausspruch, daß der mit dem Schlüssel [S. 253] Versehene allein zu öffnen vermag, sonst aber niemand1; das göttliche Wort2 aber öffnet, was verschlossen ist, indem es die dunkeln Stellen aufhellt. Diese höchste Gabe hat der Mann, den wir feiern, von Gott empfangen und vom Himmel ward ihm der herrliche Beruf zuteil den Sinn der göttlichen Worte an die Menschen zu vermitteln, das Göttliche wie aus dem Munde Gottes zu vernehmen und den Menschen zu erklären, wie es für menschliche Ohren verständlich ist. Auf diese Weise gab es für mich nichts Unbesprechbares, weil auch nichts Verborgenes und Unzugängliches.

Ich hatte aber Gelegenheit von jeder wissenschaftlichen Behauptung Kenntnis zu nehmen, mochte sie fremden oder hellenischen Ursprunges sein, das Gebiet des Geheimnisvollen oder des Staatslebens näher berühren, dem Inhalte nach göttlich oder menschlich sein, und zwar so, daß ich mit aller Freiheit alles zum Gegenstand meines Studiums und Forschens machen und mich mit allen geistigen Gütern bereichern und sättigen durfte. Mochte man eine alte Lehre der Wahrheit oder etwas anderes der Art namhaft machen, an ihm besaß ich die bewunderungswürdige und vollständige Sammlung und Auswahl der schönsten geistigen Augenweide; und mit einem Wort, er war mir in Wahrheit ein Lustgarten, ein Abbild von jenem großen Garten3 Gottes, ein Paradies, in welchem meine Aufgabe nicht darin bestand diese niedrige Erde zu bestellen und stumpfsinnig den Leib zu pflegen, sondern ausschließlich darin die Fortschritte des Geistes zu mehren, indem ich mich selbst bebaute wie ein heranreifendes Gewächs oder mich erfreute und in dem Gefühle schwelgte, daß mir ein solches Gewächs vom Urheber des Weltalls ins Herz gepflanzt worden sei4.

1: Is. 22, 22; Job. 12, 14; Apok. 3, 7.
2: D. i. Jesus Christus.
3: vgl. Gen. 3, 23.
4: vgl. Matth. 15, 13.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger