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Gregorius Thaumaturgus († 270-75) - Lobrede auf Origenes (In Origenem oratio panegyrica)

14.

Und nun frage ich, hat er etwa nicht diese Gegensätze und Widersprüche in den Ansichten der Philosophen und ihre Spaltungen eingehend aufgeführt, wie sich die einen den Behauptungen der anderen entgegenstellen, wie die einen dies, die andern jenes beharrlich festhalten, wie die einen sich dem, die andern wieder einem andern anschließen? Hat er nicht angeführt, wie zwar alle den Willen haben und ihn kundgeben sich mit dem Studium der Weisheit zu beschäftigen, von dem Augenblicke an, wo sie den ersten Anlauf dazu gemacht haben, wie sie versichern, daß sie dieses nicht weniger im Auge haben, wenn sie mitten in ihren Erörterungen stehen, als zur Zeit, wo sie den Anfang dazu machten, ja daß sie vielmehr jetzt eine noch größere Liebe zum Studium der Weisheit verspüren, wo es ihnen ermöglicht worden ist sie sozusagen zu verkosten und bei ihren Lehren zu verweilen, als damals, wo sie zuerst noch ohne Erfahrung nur so von einem unbestimmten Drange getrieben wurden sich mit dem Studium der Weisheit zu befassen, wie sie zwar so sagen, aber keinerlei Erörterungen von Andersdenkenden mehr das geringste Gehör schenken? Und so hat nicht ein einziger unter den Alten einen von den Neueren oder aus der Schule des Lyzeums1 bewogen sich an ihn anzuschließen und seine Ansicht von der Weisheit vorzutragen und auch nicht umgekehrt, überhaupt gar keiner irgend einen andern. Es läßt sich [S. 249] nämlich nicht leicht einer überreden seine eigene Ansicht aufzugeben und anderen beizustimmen, und zwar vielleicht nicht einmal solchen, die man ursprünglich liebgewinnen würde, wäre man für sie gewonnen worden, ehe man zum Studium der Weisheit überging. Denn wäre die Seele noch nicht von vornherein befangen, so würde man diesen Anschauungen Vertrauen schenken und zugetan sein und ebenso aus dem gleichen Grunde dem sich widersetzen, was man zur Zeit festhält. In dieser Weise haben unsere gefeierten, höchst scharfsinnigen und ganz unermüdlich forschenden Hellenen das Studium der Weisheit betrieben, indem jeder einzelne das, was er eben zuerst auffand, im Anflug einer gewissen Begeisterung für das einzig Wahre erklärte, dagegen alles übrige bei den anderen Philosophen für Täuschung und albernes Geschwätz. Ohne daß einer selbst seinen Standpunkt nur in etwas besser begründen könnte, als dies bei den anderen der Fall ist, kämpft jeder für seine eigene Anschauung um nicht infolge von Zwang oder Überredung sich in die Notwendigkeit versetzt zu sehen zu einer anderen Schule überzugehen und seinen Standpunkt aufzugeben. Dabei hat er aber, wenn ich die Wahrheit sagen soll, keinen anderen Beweggrund als jenen gedankenlosen Zug zu den besagten philosophischen Lieblingsmeinungen und für seine vermeintlichen Wahrheiten — man möge in meinen Worten keinen Widerspruch erblicken — kein anderes Prüfungsmittel als den prüfungslosen Zufall. Das liebt ein jeder, was er zu allererst vorgefunden hat, und ist er einmal davon gleichsam gefesselt, so ist er nicht mehr imstande sich mit etwas anderem abzugeben, selbst wenn er in allen Stücken den siegreichen Nachweis für die Wahrheit seiner eigenen und für die Unwahrheit der gegnerischen Sache führen könnte und dabei auch die Vernunft auf seiner Seite hätte, da er sich ja sogar ohne sich von ihr helfen zu lassen willenlos wie ein Ding, das man findet, den Grundsätzen hingibt und überläßt, die ihn zuerst in Beschlag nahmen; diese aber täuschen ihre Anhänger, wie in anderen Dingen, so ganz besonders in dem Allerwichtigsten und Notwendigsten, in der [S. 250] Gotteserkenntnis und Gottesverehrung. Und so bleiben solche Leute trotzdem gewissermaßen in ihren Fesseln gefangen und es wird wohl nicht mehr leicht möglich sein, daß sie jemand daraus errette, so wenig Rettung möglich ist aus einem Sumpf in einer weit ausgedehnten und fast unwegsamen Ebene, der es denen, die einmal in ihn hineingeraten sind, unmöglich macht sich zu retten, da sie weder rückwärts noch vorwärts können, sondern in ihm bleiben müssen bis zu ihrem Tode; oder so wenig Rettung möglich ist aus einem ausgedehnten, dicht bewachsenen und hohen Walde, in den ein Wanderer eingetreten ist, offenbar in der guten Meinung, er werde wohl wieder hinausfinden und wieder dorthin gelangen, wo der Wald, der ihn einschließt, ins Freie führt — wegen seiner Ausdehnung und Dichtigkeit aber ist er nicht dazu imstande; er wendet sich darin nach den verschiedensten Seiten hin, findet drinnen einige zusammenlaufende Wege und wandert mannigfaltig umher um vielleicht auf einem von ihnen hinauszukommen; aber sie führen nur einwärts, keineswegs aber nach außen, weil sie ausschließlich für den Wald bestimmte Wege sind; zuletzt wird der Wanderer ermüdet und erschöpft und als ob sich alles in Wald verwandelt hätte und auf Erden gar kein Wohnsitz mehr wäre, entschließt er sich dort zu bleiben und seinen Herd aufzuschlagen und sich, so gut es geht, im Walde Raum zu verschaffen —; oder so wenig Rettung möglich ist aus einem Labyrinth, zu welchem nur ein einziger Eingang sichtbar ist; da das Äußere durchaus nichts Verfängliches vermuten läßt, tritt einer durch die eine sichtbare Türe ein, dringt dann bis ins Innerste vor und betrachtet die Sehenswürdigkeit mit ihrer reichen Abwechslung und den sinnreichen und vielverschlungenen Bau mit seinem schlau angelegten Gewirr von Ein- und Ausgängen; sobald er aber wirklich hinausgehen will, ist er nicht mehr imstande es zu tun, weil er drinnen gefangen ist von dem in seinen Augen so weise eingerichteten Gebäude. Ja es ist kein Labyrinth so verwickelt und vielgestaltig, kein Wald so dicht und mannigfaltig, keine Ebene und kein Sumpf so [S. 251] geeignet die, die sich hineinwagen, festzuhalten wie das Wort, wenn man sich einem von diesen Philosophen gegenüber befindet. Damit es nun mir nicht gerade so ergehe wie dem großen Haufen, führte er mich nicht etwa nur in eine einzige Anschauung der Philosophen ein und mutete mir auch nicht zu mich an sie anzuschließen, sondern er führte mich zu allen hin in der Absicht, daß ich mit keiner der hellenischen Lehrmeinungen unbekannt bleiben sollte. Aber er ging auch selbst mit mir darauf ein, indem er wie auf einer Reise voraus ging und mich an der Hand führte, für den Fall, daß sich auf dem Weg eine Krümmung, eine versteckte Grube oder sonst etwas Verfängliches finden sollte, wie ein Meister, der viel mit Spekulationen umgeht und für den es infolgedessen nichts gibt, worin er nicht Übung und Erfahrung besäße, nicht nur selbst oben auf sicherem Standpunkt bleibt, sondern auch anderen die Hand reicht und sie rettet, indem er sie gleichsam herauszieht, wenn sie ins Wasser gefallen sind. So sammelte er alles, was von sämtlichen Philosophen brauchbar und der Wahrheit entsprechend war, und legte es mir zur Annahme vor, während er alles, was falsch war, aussonderte, wie überhaupt, so ganz besonders das, was in Bezug auf Religion bloße Ausgeburt des Menschengeistes war.

1: des Lyzeums in Athen, wo Aristoteles lehrte.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger