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Gregorius Thaumaturgus († 270-75) - Lobrede auf Origenes (In Origenem oratio panegyrica)

13.

Wie könnte ich neben aller sonstigen Anstrengung und Mühe, die er sich kosten ließ, die Lehrweise und die ängstliche Sorgfalt, mit der er die Gottesgelehrtheit behandelte, erschöpfend schildern und mich tiefer einlassen auf den Gedankengang des Mannes, mit welcher Gesinnung und mit welcher Vorbereitung wir uns nach seinem Wunsche alle Vorträge über das Göttliche aneignen sollten, wie ängstlich er besorgt war, daß wir nicht etwa in Gefahr kämen, das Allernotwendigste aus den Augen zu verlieren, nämlich die Erkenntnis des letzten Grundes von allem! Er leitete uns nämlich an, die Weisheit in der Art zu erforschen, daß wir nach Maßgabe unserer Kräfte alle vorhandenen Schriften der alten Philosophen und Dichter durchgingen, ohne etwas auszuschließen oder zu verwerfen; wir könnten nämlich darüber vorderhand noch nicht einmal ein Urteil haben. Nur die Werke von Gottesleugnern sollten ausgenommen sein, weil diese zugleich sogar die Grenzen des menschlichen Denkens überspringen und das Vorhandensein Gottes und der Vorsehung in Abrede stellen. Solche Schriften auch nur zu lesen hielt er für ungeziemend, damit unser Herz nicht einmal im Vorübergehen befleckt werde, indem es nach Gottesfurcht strebend Reden anhören müsse, die der Verehrung Gottes zuwider seien; denn [S. 247] selbst diejenigen, meinte er, welche sich den Tempeln ihrer vermeintlichen Gottesverehrung näherten, berührten gar nichts Unreines. Die Schriften dieser Gottesleugner also sollten billigerweise gar nicht aufgezählt werden bei Männern, die sich die Gottesfurcht zu ihrer Lebensaufgabe erwählt hätten. Mit allen übrigen aber sollten wir uns beschäftigen und abgeben und dabei sollten wir nicht eine einzelne Gattung oder einen einzelnen Gegenstand aus dem Gebiete der Weisheit bevorzugen oder auch verwerfen, gleichviel ob hellenisch oder nicht, sondern auf alles sollten wir hören. Das war klug und sehr zweckmäßig angeordnet, damit nicht etwa irgend eine einzelne Ansicht von diesem oder jenem Verfasser für sich allein gehört und geschätzt werde und, selbst wenn sie mit der Wahrheit im Widerspruch stehen sollte, als ausschließliche Wahrheit in unsere Herzen Eingang finde, uns täusche, für sich einnehme und zu ihren sklavischen Anhängern mache, die nicht mehr imstande sind davon abzugehen oder sich davon wieder rein zu waschen wie Wolle, die in Färbestoff getaucht worden ist. Die menschliche Rede ist nämlich ein gefährliches und sehr gefügiges Ding, mannigfaltig in ihren Spitzfindigkeiten und blitzschnell drückt sie, sobald sie in unser Ohr eingedrungen ist, dem Geist ihr Gepräge auf und nimmt ihn für sich ein und wenn sie einmal einen mit sich fortgerissen hat, so bringt sie es dahin, daß man sie liebt, als wäre sie die Wahrheit, und daß sie im Innern haften bleibt, selbst wenn sie Lüge und Täuschung ist, gebieterisch wie ein Zauberer, indem sie in der Person des Getäuschten selbst noch einen Vorkämpfer besitzt. Die menschliche Seele andererseits ist leicht durch die Rede zu täuschen und leicht zur Zustimmung zu bewegen und auch bereit, ehe sie nach allen Seiten untersucht und geprüft hat, infolge ihrer eigenen Kurzsichtigkeit und Schwachheit oder infolge der Spitzfindigkeit des Gesagten, die Mühe einer genaueren Untersuchung von sich abzuwälzen und ohne sich in ihrer behaglichen Ruhe [S. 248] stören zu lassen, sich oftmals falschen Reden und Anschauungen hinzugeben, die nicht bloß für sich selbst vom rechten Wege abgeirrt sind, sondern auch die irreleiten, die an ihnen festhalten; und nicht bloß das, sondern sogar dann, wenn eine Gegenrede den Irrtum berichtigen möchte, gewährt sie ihr keinen Zutritt mehr und läßt sich zu keiner anderen Ansicht mehr bekehren, sondern wird ganz von der einmal aufgenommenen beherrscht wie von einem unerbittlichen Tyrannen, der sie in seine Gewalt bekommen hat.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger