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Gregorius Thaumaturgus († 270-75) - Lobrede auf Origenes (In Origenem oratio panegyrica)

12.

Mich gerecht, klug und mäßig oder starkmütig zu machen liegt allerdings infolge meiner [S. 245] Schwerfälligkeit und Langsamkeit trotz seines großen Eifers sicherlich noch in der Zukunft, da ich noch weit davon entfernt bin irgend eine menschliche oder göttliche Tugend wirklich oder annähernd zu besitzen. Diese letzteren sind nämlich außerordentlich groß und erhaben, und niemand kann sich an eine dieser beiden Gattungen heranmachen um sie sich anzueignen, wenn ihm nicht Gott die Kraft dazu einhaucht. Ich besitze weder von Natur eine solche Fähigkeit, noch bin ich, das gestehe ich ein, vorläufig wert eine solche zu erreichen, weil ich infolge von Trägheit und Schwachheit nicht alles getan habe, was sich für jene geziemt, die nach den höchsten Tugenden streben und sich um die vollkommensten Güter bewerben. Gerecht zu sein oder mäßig oder eine von den übrigen Tugenden zu besitzen, das liegt also, wie gesagt, für mich noch in der Zukunft. Aber Liebe dazu und zwar eine im höchsten Grade brennende Liebe, wie es wohl nur bei ihm allein möglich war, hat mir dieser bewunderungswürdige Mann schon längst eingeflößt als Freund und Wortführer der Tugenden. Er hat mir durch seine eigene Tugend Liebe eingepflanzt zu der Schönheit der Gerechtigkeit, deren wahrhaft goldenes Antlitz er mir zeigte, Liebe zur Klugheit, die für jedermann ein Gegenstand des Strebens zu sein verdient, Liebe zur wahren und im höchsten Grade liebenswürdigen Weisheit, Liebe zur göttlich schönen Mäßigkeit, die das Gleichgewicht und den Frieden der Seele bildet für jeden, der sie besitzt, Liebe zum Starkmut, der der höchsten Bewunderung würdig ist, Liebe zur gegenseitigen Verträglichkeit und endlich noch Liebe zur Gottesfurcht, die man mit Recht als Mutter der Tugenden bezeichnet1. Sie ist ja der Anfang und der Endzweck aller Tugenden. Wenn wir mit ihr den Anfang [S. 246] machen, müssen auch die übrigen Tugenden mit größter Leichtigkeit unser Eigentum werden, wenn wir nämlich, was jeder Mensch tun muß, der nicht Gottesleugner oder Sklave der sinnlichen Gelüste ist, eifrig bemüht sind uns die Freundschaft Gottes und Eifer für seine Ehre zu erwerben und deshalb auch den übrigen Tugenden unsere Sorge zuwenden, damit wir nicht im Zustande der Unwürdigkeit und der Befleckung, sondern im Gefolge aller Tugend und Weisheit zu Gott hintreten können wie an der Hand eines guten Führers und eines höchst weisen Opferpriesters. Ich wenigstens glaube, daß das Endziel aller kein anderes sei als mit reinem Herzen Gott ähnlich zu werden, ihm zu nahen und in ihm zu bleiben.

1: Zu den vier bekannten Kardinaltugenden fügt Gregor noch die gegenseitige Verträglichkeit und die Gottesfurcht, die mehr christliches Gepräge tragen, während die ersteren auch der heidnischen Philosophie geläufig sind.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger