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Ambrosius von Mailand (340-397) - Lukaskommentar (mit Ausschluß der Leidensgeschichte)
Proömium
Der Stil des Lukasevangeliums (1). Die drei Arten der Philosophie: Natur-, Moral-, Vernunftphilosophie kennt und lehrt schon das Alte Testament (2), ferner das Neue Testament (3), im besonderen das Lukasevangelium (4—6). Chronologische Anordnung des letzteren. Dessen Symbol das Opferkalb (7). Beziehung der vier Evangeliensymbole auf Christus (8).

2.

Drei Dinge nämlich sind es, die nach der Ansicht der Weisen dieser Welt weitaus den Vorzug verdienen. Drei Arten der Philosophie seien zu unterscheiden: die Natur-, die Moral- und die Vernunftphilosophie1. Wir konnten diese drei Arten bereits im Alten Testamente wahrnehmen2. Denn was anders versinnbilden jene drei Brunnen des Gesichtes3, des [S. 6] Überflusses4 und des Schwures5 als diesen dreifachen Vorzug, den die Patriarchen besaßen. Der Brunnen des Gesichtes bezieht sich auf das Vernünftige6, insofern die Vernunft das Auge des Geistes schärft und den Blick der Seele klärt; der Brunnen des Überflusses auf das Sittliche, insofern Isaak erst nach der Trennung von den fremden Stammesangehörigen7, der typischen Repräsentanten der Fleischeslaster, den Born des lebendigen Geistes gefunden hat, ― reines Wasser nämlich sprudeln die guten Sitten, und das Gutsein selbst, eine soziale Tugend, strömt reichlich anderen, karger sich selbst ―. Der dritte Brunnen ist der des Schwures. Er bedeutet die Naturphilosophie8, die sich mit den Dingen der übernatürlichen oder der natürlichen Ordnung befaßt. Denn was von Gott als Zeugen ausgesagt oder beschworen wird, nimmt wegen der Beiziehung des Herrn der Natur als Beglaubigungszeugen auch göttlichen Charakter an. Was anders zeigen uns desgleichen die drei Bücher Salomos: das eine von den Sprüchen, das andere der Prediger, das dritte vom Hohen Lied, als daß der heilige Salomo mit dieser dreifachen Weisheit wohlvertraut war?9 Über die Vernunft- und Sittenwahrheiten schrieb er in den Sprüchen; über Naturwahrheiten im Prediger: „O Eitelkeit der Eitelkeiten und alles ist Eitelkeit‟10, was in dieser Welt besteht, [S. 7] „denn der Nichtigkeit ist die Schöpfung unterworfen‟11; über die wunderbaren12 Vernunftwahrheiten (Mysterien) aber im Hohen Lied, insofern dann, wenn sich unserer Seele die Liebe des himmlischen Wortes einsenkt und mit der (übernatürlichen) Vernunfterkenntnis heilige Gesinnung wie im Bunde sich vereinigt, wunderbare Geheimnisse sich enthüllen.

1: Nach Cic. Acad. I 19. Vgl. Allg. Einl., Bd. I p. XXXII sqq.
2: Cf. De Isaac et an. 4, 22 sqq.
3: Gen. 10, 14 (It. nach LXX, u. Hebr. ― Vulg.: ‚Brunnen des Lebendigen und auch Sehenden‛).
4: Gen. 26, 33. Hebr. ibnah = ‚Sieben‛ (Siebenbrunnen) Vulg. wie It. ‚abundantia‛, ‚Überfluß‛ (Siebenzahl) = Abundanzzahl?). Im Hebr. verbindet sich mit der Zahl sieben die Bedeutung ‚schwören‛ (vgl. Gen. 21, 30), daher statt ‚Siebenbrunnen‛ ‚Brunnen des Schwurs‛ (Bersabee).
5: Gen. 21, 30 ff.; 26, 33. Sieh Anm. 1.
6: mit Einschluß des übernatürlichen Vervollkommnungsprinzipes. Über den Vernunftbegriff (rationale) bei Ambr. vgl. Allg. Einl., Bd. I p. XLVII.
7: Vgl. Gen. 26, 22.
8: d. i. die Philosophie über Natur und Wesen der Dinge, z. B. Gottes (sieh unter n. 3). Auch hier ist darum, wie Ambr. selbst oben betont, das übernatürliche Moment nicht auszuschließen.
9: Auf diesen Gedanken kommt Ambr. öfters zurück. Cf. De Isaac et an. 6, 23. Expos. in Ps. 118 serm. 1, 3.
10: Pred. 1, 2.
11: Röm. 8, 20.
12: Die Lesart ‚de miraculis‛ nach Engelbrecht, S. 40.

 

 

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