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Johannes von Damaskus († 750) - Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens (Expositio fidei)
Viertes Buch

IV. KAPITEL. Warum ist der Sohn Gottes Mensch geworden, und nicht der Vater und der Geist? Und was hat er geleistet dadurch, daß er Mensch geworden?

1 Der Vater ist Vater und nicht Sohn, der Sohn Sohn und nicht Vater, der Hl. Geist Geist und nicht Vater noch Sohn. Denn die Eigentümlichkeit ist unbeweglich. Oder wie wäre es möglich, daß sie Eigentümlichkeit bliebe, wenn sie bewegt würde und überginge? Darum wird der Sohn Gottes Sohn eines Menschen, damit die Eigentümlichkeit unbewegt bleibe. Denn da er Sohn Gottes war, wurde er Sohn eines Menschen, nahm aus der heiligen Jungfrau Fleisch an und legte seine Sohnes-Eigentümlichkeit nicht ab.

Der Sohn Gottes ist Mensch geworden, um dem Menschen wiederzugeben, wozu er ihn geschaffen 2. Geschaffen hatte er ihn nach seinem Bilde, denkend und selbstmächtig, und nach seinem Gleichnis, d. h. vollkommen in Tugenden, soweit es für eines Menschen Natur erreichbar ist. Das sind gleichsam die Kennzeichen der göttlichen Natur: die Kummer- und [S. 190] Sorglosigkeit, die Lauterkeit, die Güte, die Weisheit, die Gerechtigkeit, die Freiheit von jeglichem Übel. Er setzte den Menschen mit sich in Gemeinschaft — „zur Unvergänglichkeit erschuf er ihn 3“ — und durch die Gemeinschaft mit sich erhob er ihn zur Unvergänglichkeit. Durch die Übertretung des Gebotes aber verdunkelten und verwischten wir die Züge des göttlichen Bildes, gerieten in Schlechtigkeit und wurden der göttlichen Gemeinschaft beraubt — denn „was hat die Finsternis mit dem Lichte gemein 4?“ —, wir gingen des Lebens verlustig und verfielen dem Verderben des Todes, er gab uns Anteil am Besseren, und wir bewahrten es nicht. Darum nimmt er am Schlechteren, nämlich an unserer Natur teil, um durch sich und in sich die Form des Bildes und Gleichnisses zu erneuern, aber auch um uns den tugendhaften Wandel zu lehren, den er durch sich uns leicht gemacht, um [uns] durch die Lebensgemeinschaft vom Untergang zu befreien, da er der Erstling unserer Auferstehung 5 geworden, um das abgenützte und verbrauchte Gefäß zu erneuern, um uns von der Gewaltherrschaft des Teufels zu erlösen, indem er uns zur Gotteserkenntnis berief, um [uns] zu stärken und zu unterweisen, durch Geduld und Demut den Tyrannen zu bezwingen.

Nun hat der Dämonenkult aufgehört, die Schöpfung ist durchs göttliche Blut geheiligt, Götzenaltäre und -tempel sind niedergerissen, Gotteserkenntnis ist gepflanzt, die wesensgleiche Dreiheit, die ungeschaffene Gottheit wird angebetet, ein wahrer Gott, Schöpfer und Herr aller Dinge, Tugenden werden gepflegt, Auferstehungshoffnung ist durch Christi Auferstehung gegeben, vor den Menschen, die zuvor in Knechtschaft waren, erschrecken die Dämonen, und das Wunderbare ist, daß dies alles durch Kreuz und Leiden und Tod zustandegekommen. Auf der ganzen Erde ist das Evangelium der Gotteserkenntnis verkündet. Nicht durch Krieg und Waffen und Heere hat es die Gegner [S. 191] geschlagen. Nein, Unbewaffnete, Arme, Ungelehrte, Verfolgte, Mißhandelte, dem Tode Überlieferte haben den im Fleische Gekreuzigten und Gestorbenen verkündet und dadurch die Weisen und Mächtigen besiegt. Denn es folgte ihnen die allmächtige Kraft des Gekreuzigten. Der Tod, der ehedem so gefürchtet war, ist überwunden, er, der ehedem so gescheut und gehaßt war, wird jetzt dem Leben vorgezogen. Das sind die Großtaten der Erscheinung Christi, das die Kennzeichen seiner Macht. Denn nicht wie durch Moses hat er nur ein Volk aus Ägypten und der Knechtschaft des Pharao errettet, indem er das Meer geteilt 6, er hat vielmehr die ganze Menschheit vom Verderben des Todes und dem grausamen Tyrannen, der Sünde, befreit. Nicht mit Gewalt trieb er die Sünder zur Tugend, er verschüttete sie nicht mit Erde und verbrannte sie nicht mit Feuer 7 und ließ sie nicht steinigen 8, sondern mit Sanftmut und Geduld überredete er die Menschen, die Tugend zu wählen und für sie freudig Mühen und Kämpfe auf sich zu nehmen. Ja, einst wurden die Sünder mißhandelt und hielten doch noch an der Sünde fest, die Sünde galt ihnen als Gott. Jetzt wählen sie um Frömmigkeit und Tugend willen Mißhandlungen und Martern und Tod.

Wohlan, Christus, Wort Gottes, Weisheit und Macht und allherrschender Gott, wie sollen wir Arme dir dieses alles vergelten? Denn dein ist alles, und du verlangst von uns nichts, als daß wir uns retten lassen, und auch dies gibst du selbst und weißt in unsäglicher Güte den Empfängern Dank. Dank dir, der du das Sein gegeben und das Wohlsein geschenkt und die, die dies verloren, in deiner unaussprechlichen Herablassung wieder hierzu zurückgeführt.

1: Bornhäuser, Die Vergottungslehre des Athanasius und Johannes Damascenus, Gütersloh 1903, S. 54 hat wahrgenommen, daß dieses Kapitel „nichts weiter als ein Exzerpt“ aus des Athanasius Schrift De incarnatione Verbi ist. Über deren Echtheit s. Bardenhewer, Patrologie³, S. 213.
2: Vgl. Hebr. 2, 10. Athan., Orat. de incarnatione Verbi n. 10.
3: Weish. 2, 23.
4: 2 Kor. 6, 14.
5: Vgl. 1 Kor. 15, 20.
6: Exod. 14, 16.
7: Vgl. Num. 16, 31 ff.; Deut. 11, 6; Ps. 105, 17 f. [hebr. Ps. 106, 17 f.]. Hier wird berichtet, daß Kore, Dathan und Abiron samt ihren Zelten und ihrer Habe wegen ihrer Empörung gegen Moses von der Erde verschlungen, und zweihundertfünfzig Männer durch Feuer getötet wurden.
8: Vgl. Jos. 7, 25. Hier wird erzählt, daß auf Josues Geheiß ganz Israel den Achan wegen seiner Habsucht steinigte, und Feuer all seine Habe verzehrte.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger