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Johannes von Damaskus († 750) - Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens (Expositio fidei)
Viertes Buch

XXVI. KAPITEL. Vom Antichrist.

Man muß wissen, daß der Antichrist kommen muß. Nun ist zwar „jeder, der nicht bekennt, daß der Sohn Gottes im Fleische gekommen 1“ und vollkommener Gott ist und zum Gottsein hin vollkommener Mensch geworden, ein Antichrist (Widerchrist). Gleichwohl heißt besonders und vorzugsweise Antichrist der, der „am Ende der Welt 2“ kommt. Es muß also zuerst das Evangelium unter allen Völkern verkündet sein, wie der Herr sagt 3, und dann wird er kommen zur Überführung der gottesfeindlichen Juden. Sprach doch zu ihnen der Herr: „Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, aber ihr nehmt mich nicht an. Ein anderer kommt in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen 4.“ Und der Apostel: „Darum, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen, um gerettet zu werden. Und deshalb wird Gott ihnen wirkungsvollen Trug schicken, daß sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern an der Ungerechtigkeit Gefallen gehabt 5.“ Die Juden nahmen also den wirklichen Sohn Gottes, den Herrn Jesus Christus und Gott, nicht auf, den Betrüger 6 aber, der sich für Gott [S. 259] ausgibt, werden sie aufnehmen. Denn daß er sich Gott nennen wird, das sagt der Engel, der den Daniel belehrt, mit folgenden Worten: „Auf die Götter seiner Väter wird er nicht achten 7“, und der Apostel: „Niemand betöre euch auf irgendeine Weise, denn zuvor muß Abfall kommen und der Mensch der Gesetzlosigkeit, der Sohn des Verderbens offenbar werden, der der Widersacher ist und sich über alles erhebt, was Gott heißt und göttlich verehrt wird, so daß er sich in den Tempel Gottes setzt und sich als Gott ausgibt 8“ — in den Tempel Gottes, nicht den unsrigen, sondern den alten, den jüdischen 9. Denn nicht zu uns, sondern zu den Juden wird er kommen, nicht für Christus und die Christen, weshalb er auch Widerchrist (Antichrist) heißt.

Es muß also zuerst das Evangelium unter allen Völkern verkündet sein 10, und „alsdann wird offen hervortreten der Ruchlose, dessen Ankunft in Kraft des Satans erfolgt mit jeglicher Machttat und trügerischen Zeichen und Wundern 11, mit jedem Trug der Ungerechtigkeit für die, die verloren gehen, den der Herr töten wird mit dem Worte seines Mundes und zunichte machen durch seine Wiederkunft 12“. Nicht der Teufel selbst also wird Mensch nach Art der Menschwerdung des Herrn. Das sei ferne! Nein, ein Mensch wird aus Hurerei erzeugt und empfängt die ganze Wirksamkeit des Satans. Denn Gott, der die Verkehrtheit seines künftigen Willens vorausweiß, gestattet dem Teufel, in ihm zu wohnen.

[S. 260] Erzeugt also wird er, wie gesagt, aus Hurerei und in der Verborgenheit aufgezogen, und plötzlich steht er auf und erhebt sich und herrscht. Und im Anfang seiner Herrschaft oder vielmehr Gewaltherrschaft heuchelt er Heiligkeit. Wann er aber mächtig geworden, verfolgt er die Kirche Gottes 13 und offenbart seine ganze Schlechtigkeit. Er wird kommen „mit trügerischen Zeichen und Wundern 14“, erdichteten und nicht wirklichen, und die, deren Denken eine schwache, nicht starke Grundlage hat, täuschen und vom „lebendigen Gott 15“ abtrünnig machen, „so daß womöglich auch die Auserwählten irregeführt werden 16“.

Es wird aber Henoch und Elias der Thesbiter gesandt werden 17 und „sie werden die Herzen der Väter zu den Kindern kehren 18“, d. i. die Synagoge zu unserm Herrn Jesus Christus und der Predigt der Apostel und von ihm (═ dem Antichrist) getötet werden. Und der Herr wird so vom Himmel kommen, wie ihn die heiligen Apostel in den Himmel hinauffahren sahen 19, als vollkommener Gott und vollkommener Mensch, „mit Macht und Herrlichkeit 20“, und er wird den Menschen der Gesetzlosigkeit, den Sohn des Verderbens mit dem Hauche seines Mundes töten 21. Niemand also erwarte den Herrn von der Erde, sondern vom Himmel her, wie er selbst versichert hat 22.

1: Joh. 4, 2; 2 Joh. 7.
2: Matth. 13, 40. 49; vgl. 13, 39; 24, 3; 28, 20.
3: Ebd. [Matth.] 24, 14.
4: Joh. 5, 43.
5: 2 Thess. 2, 10 ff.
6: Vgl. 2 Joh. 7.
7: Dan. 11, 37.
8: 2 Thess. 2, 3 f.
9: Diese Auffassung begegnet uns bereits bei Irenäus (Adv. haer. V, 25, 2). Allein es ist hier weder der Tempel zu Jerusalem, noch die Kirche gemeint. Paulus will sagen, der Antichrist eigne sich alle Rechte Gottes, besonders sein Heiligtum, an. Dieses wird als Tempel bezeichnet, da es zur Zeit des Apostels eine andere öffentliche Kultstätte des wahren Gottes nicht gab. Als Vorlage diente Paulus allerdings Dan. 11, 36. Vgl. auch Dan. 11, 31 f. (Steinmann, Die Briefe an die Thessalonicher und Galater, übersetzt und erklärt, Bonn 1918, S. 51, Anm. zu 2 Thess. 2, 4).
10: Matth. 24, 14.
11: Lies τέρασι [terasi] statt πέρασι [perasi].
12: 2 Thess. 2, 8. 9 f. 8.
13: 1 Kor. 15, 9; Gal. 1, 13; 1 Kor. 10, 32; 11, 16. 22; 2 Kor. 1, 1; 1 Tim. 3, 5.
14: 2 Thess. 2, 9.
15: Matth. 16, 16; 26, 63; Röm. 9, 26; 2 Kor. 3, 3; 6, 16; 1 Thess. 1, 9; 1 Tim. 3, 15; 4, 10; Hebr. 3, 12; 9, 14; 10, 31; 12, 22; Off. 7, 2.
16: Matth. 24, 24.
17: Sir. 44, 16; 48, 10; Mal. 4, 5; Matth. 17, 11; Mark. 9, 11. Auch in Off. 11, 3 ff. ist von Henoch und Elias die Rede. Auf diesen Bibelstellen fußend, vertraten altchristliche Lehrer, wie Irenäus, Tertullian, Hippolyt u. a., die Ansicht, daß Henoch und Elias am Ende der Zeit als Bußprediger erscheinen, für Christus Zeugnis ablegen und gegen den Antichrist auftreten, durch diesen aber den Martertod erleiden werden.
18: Mal. 4, 6.
19: Apg. 1, 11.
20: Luk. 21, 27.
21: 2 Thess. 2, 3. 8.
22: Matth. 25, 31; Luk. 21, 27.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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