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Johannes von Damaskus († 750) - Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens (Expositio fidei)
Viertes Buch

XXIV. KAPITEL. Von der Jungfräulichkeit.

„Die Fleischlichen 1“ schmähen die Jungfräulichkeit, und zum Zeugnis führen die Lüstlinge das Wort an: „Verflucht jeder, der keine Nachkommenschaft erweckt in Israel 2.“ Wir aber sagen, uns auf den Gott-Logos [S. 253] stützend, der aus der Jungfrau Fleisch angenommen, daß die Jungfräulichkeit von vornherein und von Anfang der Menschennatur eingepflanzt wurde. Denn aus jungfräulicher Erde ward der Mensch gebildet. Nur aus Adam ward die Eva erschaffen. Im Paradiese waltete Jungfräulichkeit. Es sagt ja die göttliche Schrift, daß sie nackt waren, Adam und Eva, und sich nicht schämten 3. Als sie aber [das Gebot] übertraten, erkannten sie, daß sie nackt waren, und sie schämten sich und flochten sich Schürzen 4. Und erst dann, als er nach der Übertretung hörte: „Erde bist du und zur Erde sollst du zurückkehren 5“, als infolge der Übertretung der Tod in die Welt kam 6, „erkannte Adam die Eva, sein Weib, und sie empfing und gebar 7“. Darum also ward die Ehe ersonnen, damit das Geschlecht vom Tode nicht aufgerieben und vernichtet würde. Es sollte durch die Kindererzeugung das Menschengeschlecht erhalten werden.

Aber sie werden vielleicht sagen: Was will also das Wort: „Mann und Weib 8“ und das: „Wachset und mehret euch 9“? Darauf werden wir erwidern: Das „wachset und mehret euch“ bedeutet sicherlich nicht die Vermehrung durch ehelichen Verkehr. Es konnte ja Gott auch auf andere Weise das Geschlecht vermehren, wenn sie bis ans Ende das Gebot unverletzt beobachteten. Allein Gott, der alles weiß, eh’ es geschieht 10, wußte kraft seines Vorauswissens, daß sie die Übertretung begehen und zum Tode verurteilt würden. Darum erschuf er zum voraus Mann und Weib und befahl ihnen, zu wachsen und sich zu mehren. Wir wollen daher des Weges weitergehen und die Vorzüge der Jungfräulichkeit betrachten, dasselbe aber auch von der Keuschheit sagen.

[S. 254] Wie Noë den Befehl erhält, in die Arche zu gehen, und ihm die Erhaltung des Weltsamens übertragen wird, empfängt er den Auftrag: „Gehe hinein, du und deine Söhne und dein Weib und die Weiber deiner Söhne 11.“ Er sonderte sie von den Weibern ab, damit sie mittels der Keuschheit dem Meere und jenem Allerweltsschiffbruche entgingen. Nach dem Aufhören der Sintflut sprach er: „Gehe heraus, du und dein Weib und deine Söhne und die Weiber deiner Söhne 12.“ Siehe, hier ward wieder der Vermehrung wegen die Ehe gestattet. Sodann Elias, der feueratmende Wagenlenker und Himmelsfahrer 13, huldigte er nicht der Ehelosigkeit 14 und bewahrte sie durch seine übermenschliche Himmelfahrt? Wer verschloß die Himmel 15? Wer erweckte Tote 16? Wer teilte den Jordan 17? Nicht der jungfräuliche Elias? Und Elisäus, sein Schüler, hat er nicht, da er die gleiche Tugend (═ die Jungfräulichkeit) bewiesen, in doppeltem Maße die Gnade des Geistes empfangen, um die er gebeten 18? Und die drei Jünglinge? Haben sie nicht durch Übung der Jungfräulichkeit das Feuer überwunden, da ihre Leiber durch die Jungfräulichkeit vom Feuer nicht verzehrt werden konnten 19? War es nicht Daniel, dessen Leib durch die Jungfräulichkeit so gehärtet war, daß die Zähne der wilden Tiere nicht einzudringen vermochten 20? Gab nicht Gott, da er den Israeliten erscheinen wollte, den Befehl, den Leib keusch zu halten 21? Hielten sich nicht die Priester rein und gingen so in das Heiligtum ein und brachten die Opfer dar? Hat nicht das Gesetz die Keuschheit ein großes Gelübde genannt?

[S. 255] Man muß also die Vorschrift des Gesetzes mehr geistig nehmen. Es gibt nämlich eine geistige Nachkommenschaft. Sie wird durch Liebe und Furcht Gottes im seelischen Schoße empfangen, der den Geist des Heiles gebiert und hervorbringt. So ist auch das Wort zu fassen: „Selig, wer Nachkommenschaft hat in Sion und Verwandte in Jerusalem 22.“ Denn wie ist einer, trotzdem er „ein Hurer oder Trunkenbold oder Götzendiener 23“ ist, selig, wenn er nur Nachkommenschaft in Sion und Verwandte in Jerusalem hat? Kein Vernünftiger wird das behaupten.

Jungfräulichkeit ist der Wandel der Engel, die Eigentümlichkeit einer jeden unkörperlichen Natur. Das sagen wir nicht, um die Ehe zu schmähen, das sei ferne — wir wissen ja, daß der Herr in seiner Gegenwart die Ehe segnete 24 und [wir kennen] den, der gesagt: „Ehrbar sei die Ehe, und das Ehebett unbefleckt 25“ —, sondern weil wir erkennen, daß die Jungfräulichkeit besser ist als die Ehe, die ja gut ist. Denn sowohl bei den Tugenden wie bei den Lastern gibt es höhere und geringere Grade. Wir wissen, daß, abgesehen von den Stammeltern des Geschlechts, alle Sterblichen Sprößlinge der Ehe sind. Denn jene sind ein Gebilde der Jungfräulichkeit, und nicht der Ehe. Allein die Ehelosigkeit ist, wie gesagt, eine Nachahmung der Engel. Um soviel also ein Engel höher steht als ein Mensch, um soviel ist Jungfräulichkeit wertvoller als Ehe. Doch was sage ich? Ein Engel? Christus selbst ist der Ruhm der Jungfräulichkeit. Denn er ist nicht bloß aus dem Vater ohne Anfang, ohne [Samen] fluß und ohne Paarung erzeugt, sondern er hat auch, da er Mensch wurde wie wir, auf höhere Weise als wir Fleisch angenommen, nämlich aus einer Jungfrau ohne Geschlechtsgemeinschaft, und er hat selbst die wahre und vollkommene Jungfräulichkeit an sich gezeigt. Darum hat er auch diese für uns nicht zum Gesetze gemacht — denn „nicht [S. 256] alle fassen das Wort 26“, wie er selbst gesagt —, allein durch die Tat hat er uns [in ihr] unterwiesen und uns dazu befähigt. Denn wem ist nicht klar, daß jetzt die Jungfräulichkeit unter den Menschen heimisch ist?

Gut ist die Kindererzeugung, welche die Ehe erzielt, und gut die Ehe „wegen [der Gefahr] der Unzuchtssünden 27“, da sie diese abschneidet und das Wutartige der Begierde durch die gesetzliche Verbindung nicht zum ungesetzlichen Handeln ausrasen läßt. Gut ist die Ehe für die, denen nicht Enthaltsamkeit innewohnt. Besser aber ist die Jungfräulichkeit, welche die Fruchtbarkeit der Seele mehrt und Gott als reife Frucht das Gebet darbringt. „Ehrbar sei die Ehe, und das Ehebett unbefleckt, Unzüchtige und Ehebrecher aber wird Gott richten 28.“

1: 1 Kor. 3, 3.
2: Dieses Wort findet sich in dieser Form nicht in der heiligen Schrift. Vgl. Deut. 25, 9.
3: Gen. 2, 25.
4: Ebd. [Gen.] 3, 7.
5: Ebd. [Gen.] 3, 19.
6: Vgl. Röm. 5, 12.
7: Gen. 4, 1.
8: Ebd. [Gen.] 1, 27.
9: Ebd. [Gen.] 1, 28.
10: Dan. 13, 42 nach der Vulgata.
11: Vgl. Gen. 7, 1. 7.
12: Ebd. [Gen.] 8, 16.
13: 4 Kön. 2, 11 [2 Kön. nach neuerer Zählart].
14: Das ist die gemeinsame Ansicht der Väter.
15: Vgl. 3 Kön. 17, 1 [1 Kön. nach neuerer Zählart]; Sir. 48, 3; Jak. 5, 17.
16: 3 Kön. 17, 22 [1 Kön. nach neuerer Zählart]; Sir. 48, 5.
17: 4 Kön. 2, 8 [2 Kön. nach neuerer Zählart].
18: Ebd. [4 Kön.] 2, 9 f. [2 Kön. nach neuerer Zählart].
19: Dan. 3, 24.
20: Ebd. [Dan.] 6, 22.
21: Gen. 19, 15.
22: Dieses Wort findet sich nicht in der heiligen Schrift.
23: 1 Kor. 5, 11.
24: Joh. 2, 1―10.
25: Hebr. 13, 4.
26: Matth. 19, 11.
27: 1 Kor. 7, 2.
28: Hebr. 13, 4.

 

 

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